Chlor-Hähnchen, Attackeeee!

10. Juni 2008 · Thema: Ernährung

Broiler mit Hallenbadaroma? Klingt absurd, aber die US-Amerikaner haben offenbar so große Angst vor Keimen im Fleisch, dass sie keine chemischen Mittel scheuen. Nun sollen gechlorte Geflügelteile auch die EU erobern.

100 Millionen Dollar, vielleicht auch 180 Millionen. Eigentlich ein Klacks im Vergleich zu den geschätzten 3 Billionen (3000 Milliarden) Dollar, die der Irakkrieg bisher verschlungen hat, aber George W. Bush möchte trotzdem nicht verzichten. Mit großem Einsatz hat er deshalb die EU-Kommission bearbeitet, man möge doch endlich das Importverbot für amerikanische Chlor-Hähnchen aufheben. Und offensichtlich mag die Kommission das tatsächlich tun!

Zunächst aber: Was zum Teufel sind “Chlor-Hähnchen”? So dramatisch, wie’s klingt, ist es eigentlich nicht: Die noch warmen Henderl müssen nach dem Schlachten möglichst schnell gekühlt werden, damit sich im toten Fleisch keine Bakterien vermehren. Dazu taucht man sie in in Eiswasser, das macht man auch mit deutschen Hähnchen so. In Amerika aber wird dem Schwimmwasser fürs abgemurkste Geflügel eben noch Chlor als Desinfektionsmittel zugesetzt – wie im Hallenbad, nur dass die Badegäste einer öffentlichen Schwimmanstalt nicht für den Verzehr vorgesehen sind.

Im Hühnchenfleisch aber bleibt das Chlor hängen, und das bereitet den Verbraucherschützern jetzt große Sorge. Denn Chlor ist zwar auch in normalem Trinkwasser enthalten. Aber im Fleisch trifft das reaktionsfreudige Element nicht nur auf Wasser, sondern auf viele organische Verbindungen. Und wie beim Nitrat im Spinat könnten sich daraus in der Hitze der Kochstelle unliebsame, weil krebserregende oder sonst wie gesundheitsgefährdende Verbindungen ergeben. Bloß existieren bisher keine Belege für ein solches Risiko, zumindest nicht nach Auffassung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Vor zwei Jahren hat die EFSA einen entsprechenden Bericht veröffentlicht.

Gefahr für den Menschen also zumindest unklar, vielleicht auch gar nicht vorhanden. Was aber nicht heißt, dass die Nummer mit dem Chlor unschädlich oder überhaupt nötig wäre. Experten weisen immer wieder darauf hin, dass die Amerikaner mit der Chlordusche vor allem den Aufwand sparen, den europäische Geflügelzüchter betreiben müssen, um ihre Geflügelware ohne Desinfektionsmittel keimfrei in die Läden zu kriegen. Und tatsächlich wäre Chicken aus den USA deshalb noch (ja, wirklich! noch!) billiger, als die hiesigen KZ-Hähnchen, die für drei Euro das Kilo in die Discountertruhe wandern.

Dazu kommt, dass die Chlorwäsche jede Menge Abwässer produziert, welche dann die Umwelt belasten, vor allem jene Tiere, die im Wasser leben. Fische also. Gerade vor diesem Hintergrund ist dann wirklich nicht mehr zu verstehen, warum die Kommission der ach-so-ökologischen EU sich auf diesen Deal mit den Amerikanern einlässt.

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