Langes Leben – oder gar keins

28. Juni 2008 · Thema: Biomedizin

Die holländische Regierung stimmt für eine neue Variante der Präimplantationsdiagnostik: Kinder mit erhöhtem Krebsrisiko dürfen künftig aussortiert werden.

Es hat gerade einmal vier Wochen gedauert, bis der Vorschlag abgenickt war: In den Niederlanden dürfen Frauen mit einem genetisch bedingten, extrem hohen Brustkrebsisko künftig sicher stellen, dass sie keine Töchter mit derselben Erblast zur Welt bringen. Der Nachwuchs wird im Reagenzglas gezeugt, und noch vor der Verpflanzung in die Gebärmutter genetisch durchgecheckt – per Präimplantationsdiagnostik (PID), die in Holland eigentlich verboten ist, aber hier dann doch nicht. Eine Chance auf Menschwerdung erhalten danach nur die günstig veranlagten Embryos.

Man kann darüber streiten, ob dies für den Fall Brustkrebs ethisch vertretbar ist oder nicht. Sicher ist aber, dass es sich allein schon bei der Art der Kriterienwahl um einen Dammbruch handelt. Die PID wird von vielen Staaten ja gerade deshalb abgelehnt, weil sie Menschen selektiert, die aus kulturellen, religiösen oder persönlichen Gründen nicht der vorhandenen Wunschvorstellung entsprechen.

Zu den persönlichen – und sehr verständlichen – Wünschen werdender Eltern gehört allerdings IMMER, dass das Kind gesund sein und gesund bleiben möge. Entsprechend möchte niemand seinem Baby schlechte Gene weitergeben, schon gar nicht für Krebs. Andererseits wissen wir alle, dass auch unsere Kinder eines Tages sterben müssen. So ist leider das Leben.

Ab wann also will man da jetzt eingreifen? Wenn das Brutskrebsrisiko 50 Prozent beträgt, oder erst, wenn es größer als 80 Prozent ausfällt? Und was ist mit den anderen Erkrankungen, die zumindest teilweise genetisch verursacht werden – Typ I-Diabetes, psychische Leiden? Die können ein Leben immerhin genauso quälend gestalten, wie die Angst vor dem drohenden Krebsgeschwür. Es ist deshalb abzusehen, dass die Entscheidung der Holländer neue Begehrlichkeiten weckt, vielleicht bis hin zu dem Wunsch, keine Kinder mit erhöhtem Depressionsrisiko zu kriegen.

Tatsächlich soll es ja auch in Holland schon jetzt nicht mehr nur um Brustkrebs gehen. Auch Darmkrebs, der – wie Brustkrebs – genetisch bedingt sein kann, es aber – wie Brustkrebs – nicht sein muss, kann zum Anlass für eine Selektion genommen werden. Weitere Krebsrisiken sollen von einer Kommission noch erörtert werden, wobei in keinem Fall abzusehen ist, wie die Therapiemöglichkeiten in 20 Jahren eigentlich aussehen. Wahrscheinlich wird es für viele der anvisierten Krebserkrankungen bis dahin bessere, wenn nicht gar gute Heilungschancen geben.

Das letztlich absurde an diesem Plan aber ist: Das Risiko, an Krebs zu erkranken oder zu sterben, wird durch die Selektion nicht beseitigt. Gerade beim Darmkrebs sind 89 Prozent aller Fälle nicht genetisch bedingt, und auch Frauen ohne Brustkrebsgene erkranken immer noch sehr häufig an Brustkrebs. Ein paar Jahre später zwar, aber doch genau so elend.

Und deshalb darf man sich schon fragen, worum es hier geht. Vielleicht um das Sicherheitsbedürfnis einer Gesellschaft, die keine Risiken mehr akzeptieren will?

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