Fieses Fett im Kinderblut

08. Juli 2008 · Thema: Leib und Seele

Man kann nie früh genug anfangen: US-Pädiater fordern den Cholesterin-Check für die Kleinsten – und empfehlen schon Achtjährigen die Einnahme von Statinen.

Als der amerikanische Forscher Ancel Keys in den Fünfzigern einen Zusammenhang zwischen Cholesterinspiegel und kranken Herzen in der amerikanischen Bevölkerung beobachtete, ahnte der Mann wohl nicht, was seine Entdeckung für Folgen haben würde. Die erste war die geradewegs hysterische Verbannung von gesättigten Fettsäuren, vor allem Butter, aus den westlichen Speiseplänen. Die zweite Folge steuert offenbar gerade auf ihren Gipfel zu.

Denn nachdem sich der Cholesterinwert unter Erwachsenen längst als Parameter des körperlichen Niedergangs etabliert hat und den Pharmakonzernen via Lipidsenker alljährlich Milliarden in die Kassen spült, sind jetzt die Kinder dran. Wie die American Academy of Pediatrics soeben in ihren neuen Screening- und Therapie-Empfehlungen für Cholesterin bei Kindern ankündigt, soll der Nachwuchs je nach Risikofaktor künftig schon ab zwei Jahren auf erhöhte Cholesterinwerte hin durchgecheckt werden. Tatsächlich empifelt die AAP, sogar das Blut von 8-jährigen künftig schon medikamentös zu entfetten – sofern sich ein halbes Jahr nach einer Ernährungsumstellung nicht der gewünschte Cholesterinspiegel einstellt.

Nun mag es zwar einleuchten, dass bestimmte Risikofaktoren für die Todesursache Nr. 1 unter allen Krankheiten, sprich: ein kaputtes Herz-Kreislaufsystem, möglichst frühzeitig bekämpft werden sollten. Doch den amerikanischen Kinderärzten geht die neue Richtlinie trotzdem einige Schritte zu weit. Zum einen ist gar nicht klar, ob ein erhöhter Cholesterinspiegel im Kindesalter zwangsläufig zum späteren Infarkt führen muss. Zum anderen gibt es, wie für die meisten Medikamente. auch für Statine keine klinischen Studien, die eine Sicherheit der Medikamente für Heranwachsende garantieren. Der Grund ist klar: Niemand würde solche Tests an Kindern erlauben.

Aber schlucken sollen sie das Zeug trotzdem. Dabei haben Lipidsenker sich schon für Erwachsene nicht gerade als harmlose Wellnessdrops profiliert – Lipobay lässt grüßen. Und wie amerikanische Ärzte bereits in der heimischen Presse verlauten lassen, fürchten sie nicht nur ungewisse Schäden durch eine voreilige Medikation. Sie glauben auch, dass die ohnehin mühselige Arbeit am Lebensstil gefährdeter Kinder mit den neuen Bestimmungen quasi aussichtslos wird. Welches Kind lernt noch den Verzicht auf Glotze und Fast Food, wenn es schon in jungen Jahren erfährt, dass Pillen einem die Sache viel leichter machen können?

Deutsche Pädiater zeigen sich da indes auch nicht zimperlich. Wie Spiegel Online berichtet, gebe es solche Empfehlungen in Deutschland schon lange, deswegen sei die ganze Aufregung jetzt eher unverständlich. Tatsächlich hat die Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) längst eine solche Therapieempfehlung erarbeitet – zum Glück bezieht sie aber klar auf  erbliche Formen eines chronisch erhöhten Cholesterinspiegels, die bereits im Kindesalter schwere Veränderungen an den Gefäßen hinterlassen können. Von dem frühen Einsatz von Statinen rät die APS ausdrücklich ab, weil die Nebenwirkungen auf den Hormonhaushalt der Heranwachsenden nicht auszuschließen sind.

In den USA sollen Screening und Therapie aber nicht allein Kinder mit genetischer Vorbelastung, also mit einer familiären Hypercholesterinämie, betreffen, sondern alle Kinder, die irgendwie gefährdet erscheinen. Und das sind – Überraschung! – vor allem natürlich wieder die Dicken. Aber was heißt dick? Jeder Junge und jedes Mädchen jenseits der 85. BMI-Perzentile gehört nach Auffassung der AAP künftig unter Cholesterin-Beobachtung gestellt. Damit ist ein Junge von zehn Jahren und einem BMI von 21 schon mitten drin in der Risikogruppe. Mal abgesehen von der dürftigen Aussagekraft des BMI an sich, steigt für die betroffenen Kinder wohl vor allem das Risiko, in den Mühlen der Prävention zermahlen zu werden, anstatt sich einfach an gesundes Essen und etwas Sport zu gewöhnen.

Dass sich deutsche Kinderärzte nun angeblich eher positiv über den neuen amerikanischen Vorstoß äußern,  und die APS selbst ein generelles Screening von Kleinstkindern befürwortet, sollte zunächst Anlass für eine gründliche Debatte in Deutschland sein. Kinderärzte brauchen Optionen, auch für die Therapie, aber die Medizin braucht auch immer Grenzen. Bisher sind die Vorschriften in der Bundesrepublik meist noch streng genug, um einen Missbrauch zu verhindern.

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