Raucherhirne sind nicht urteilsfähig

30. Juli 2008 · Thema: Leib und Seele, Medien

Das sagt zumindest der Bundessprecher des Aktionsbündnisses Nichtrauchen und behauptet auch noch, es gebe wissenschaftliche Belege dafür. Der Kampf ums Rauchverbot in Gaststätten nimmt allmählich absurde Züge an.

Aber was heißt schon “allmählich”? Absurd ist das Gezerre um die Qualmsperre in Deutschland längst. Während es anderen Ländern wie zum Beispiel Großbritannien problemlos gelingt, die einmal getroffene Entscheidung konsequent umzusetzen, ist vom deutschen Rauchverbot nur wenige Monate nach dem Inkrafttreten kaum mehr ein blasses Dünstchen übrig. Raucherclubs, Raucherräume, Übergangsregelungen und Sondergenehmigungen für die Kleingastronomie oder das Oktoberfest – noch nie wurde in Deutschland ordentlicher geraucht als heute. Geraucht indes wird immer noch.

Kein Wunder also, dass dies vor allem jene Institutionen ärgert, die jahrelang für das Rauchverbot gekämpft haben und nun zuschauen müssen, wie ihre Errungenschaft sich in einen Schweizer Käse verwandelt. Sehr wohl wundern muss man sich allerdings über die Mittel, mit denen zum Beispiel das Aktionsbündnis Nichtrauchen versucht, die heute anstehende Entscheidung des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe über eine bundesweite Lockerung des Rauchverbots zu beeinflussen.

Die Süddeutsche Zeitung bringt in ihrer heutigen Ausgabe nämlich ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden des Bündnisses, Friedrich Wiebel, in welchem der emeritierte Professor und Experte für Umweltchemikalien die Verunglimpfung der Raucher auf eine neue Spitze treibt: Die Raucher unter den Richtern könnten kaum objektiv urteilen, denn Rauchen verändere nachhaltig das Gehirn, sagt Wiebel. Deshalb unterschätzten Raucher nicht nur die Gefahr des Passivrauchens, sondern könnten überhaupt nicht mehr vernünftig entscheiden.

Als Beleg für diese ziemlich unerhörte Behauptung führt Wiebel eine Studie an, die in der Aprilausgabe von Nature Neuroscience erschien. Texanische Hirnforscher beschreiben darin, wie sich 30 (!) Raucher in einem Investitionsexperiment verhielten und wie die Gehirne der Versuchspersonen auf das Experiment reagierten. Zum Vergleich zogen die Wissenschaftler Daten aus einer älteren Studie an Nichtrauchern heran.

Das Ergebnis: Die Raucher ließen sich in ihren Entscheidungen weniger oft als die Nichtraucher von den Erkenntnissen leiten, die sie über die Folgen ihrer Investitionen gewannen. Sie verhielten sich kurzum nicht gewinnorientiert. Laut Wiebel trafen die Raucher also die “schlechteren” Entscheidungen, blendeten die “vernünftige Alternative systematisch aus” – und wer so schlampig mit Geld umgeht, geht Wiebels Ansicht nach wohl auch schlampig mit der Gesundheit anderer Menschen um.

Womit wir beim heiklen zweiten Punkt der Argumentation wären, dem Passivrauchen. Immer wieder sind die Folgen des Passivrauchs als Speerspitze im Kampf für das Rauchverbot eingesetzt worden, obwohl es ja eigentlich darum geht, die aktiven Raucher von der Fluppe zu trennen. Doch Wiebel unterstellt den Rauchern auch jetzt lieber nicht Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber (wäre ja auch eher deren Angelegenheit), sondern dass sie das Risiko für Unbeteiligte aus reinem Eigeninteresse unterschätzen, sprich ignorieren. Überhaupt nicht in Betracht gezogen wird dabei, dass Nichtraucher das Gesundheitsrisiko durch Passivrauch womöglich aus Eigeninteresse überschätzen. Die Datenlage zu den Gefahren des Passivrauchs ist jedenfalls bei weitem nicht so eindeutig, wie es der Toxikologe in seinem Gespräch mit der SZ suggeriert.

Was hängen bleibt ist, dass ein Wissenschaftler mit nur scheinbar guten Argumenten das Rechtsempfinden von Rauchern infrage stellt und sie ein weiteres Mal, wiederum mit nur scheinbar vertrauenswürdigen Zahlen, der Rücksichtslosigkeit bezichtigt. Bei aller Verständnis dafür, dass Wiebel und das Aktionsbündnis ein gutes Ziel verfolgen, dass das Rauchverbot eine sinnvolle und schutzwürdige Maßnahme ist und dass Rauchen überhaupt ein bekämpfenswertes, weil extrem gesundheitsschädliches Lastern ist: Wer versucht, sein Ziel durch die Diffamierung von rauchenden Richtern zu erreichen, diskreditiert sich in erster Linie selbst.

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