Fast alles über Stammzellen

24. Oktober 2008 · Thema: Biomedizin

Die Wissenschaft will helfen, die komplizierte Welt der Stammzellforschung zu verstehen. zellux.net soll vor allem Schülern ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Aber kann die Website das wirklich?

Im Grunde war diese Seite längst fällig: Ein Portal, das die Biologie hinter den Stammzellen erläutert, das die teils fremdartigen Begriffe von Pluripotenz über Blastozyste erklärt, das die ethische Debatte abbildet. zellux.net soll all das nun tun, ausgewogen, unabhängig und übersichtlich, vornehmlich für Schüler, für alle anderen Bürger aber auch. Super!

Und was das Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster da mit der Unterstützung von Didakten, evangelischer Kirche und einem Transplantationsexperten auf die Beine gestellt hat, ist wohl wirklich das umfangreichste Informationsportal, das es derzeit über Stammzellen gibt. Fast kein Aspekt wird ausgespart, keine Position bleibt unberücksichtigt. In kleinen Videos antworten Vertreter aller Standpunkte auf die wichtigsten Fragen, alle Gesetze sind im Originaltext einsehbar, und für die Schule steht den Lehrern umfangreiches Material zur Verfügung, welches den ethischen Aspekt dieser Forschung mehr als nur streift.

Dem ganzen Ding gebührt zunächst also großes Lob. Dennoch bleibt gerade dort ein schaler Nachgeschmack, wo das Portal seinen Zweck verortet: In der Abteilung Aktion, also dort, wo die Lehrer Anleitung für den Unterricht erhalten, neigt sich die Waage doch etwas zu deutlich zugunsten der Forschung.

Wenn Schüler beim Storytelling zum Beispiel das Leben einer schwer verletzten Laborantin (Mensch!) gegen ein paar Embryonen im Brutschrank (Zellhaufen!) abwägen sollen, ist die ethische “richtige” Entscheidung quasi schon vorgegeben – wenn es darum geht, einen kranken Menschen, noch dazu ein Mädchen, zu retten, was schert uns da der Zellklumpen in der Petrischale?

Der Ethiktest wiederum schickt seine Teilnehmer mit einer Kurzinformation ins Rennen, die schlicht nicht ganz den Tatsachen entspricht: Es ist mitnichten sicher, was mit adulten Stammzellen anzufangen ist. Natürlich ist die Forschung an embryonalen Stammzellen wichtig, um ihre späten, weniger wandlungsfähigen Ableger zu verstehen. Aber auch aus multipotenten Zellen eines Erwachsenen lassen sich unter Umständen Zellen gewinnen, die für unfassende Heilungszwecke brauchbar wären.

Dazu kommt, dass die neueren Entwicklungen in der Forschung eben doch fehlen. Das Thema iPS – induzierte pluripotente Stammzellen – zum Beispiel taucht nur als Vision, aber nicht als Fakt auf, obwohl inzwischen zahlreiche Forschergruppen durchschlagende Erfolge auf dem Gebiet zu verzeichnen haben. Darunter auch Hans Schöler, der Schirmherr der Website.

Warum dieser Aspekt fehlt, ist naheliegend: Wozu sollte man Embryonen zerstören, wenn embryonale Stammzellen auch aus der Haut gewonnen werden können? Das ist die Frage, vor der man sich hier offensichtlich scheut. Und die doch so leicht zu beantworten wäre – zugunsten der Forschung! Denn noch immer weiß man viel zu wenig über diese fantastischen Zellen, als dass man auf die Originale aus überzähligen Embryonen verzichten könnte. Ohne diese Zellen würde auch die Forschung an adulten und induzierten Stammzellen zum Stillstand verdammt.

Lehrern muss man indes raten, kritisch mit dem angebotenen Material umzugehen, weitere Quellen zu plündern, und vor allem auch die Schüler zur Kritik anzuhalten. Denn trotz seines lobenswerten Ziels und der Fülle an Informationen bleibt das Portal doch eines, das von den Befürwortern der Stammzellforschung gemacht wurde – zu denen mittlerweile auch die evangelische Kirche zählt.

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