Ein Superdiäthormon?

28. April 2006 · Thema: Ernährung

Alle reden davon abzunehmen. Vor zwei Monaten war das noch anders, da konnte man Schokolade mitbringen und alle freuten sich. Jetzt gucken sie erst leidend, dann böse, dann wieder leidend. Verzicht ist angesagt. (Besonders krass treiben es übrigens die Männer, die den Jo-Jo-effekt noch immer nicht kapiert haben und eine Woche oder zwei zwanghaft gar nichts essen, um sich dann – zur Belohnung – auf die übelsten Kalorienbomben zu stürzen. Ernährungsumstellung? Bewegung? Nie gehört. Am Ende wiegen sie mehr als vorher und kriegen noch schlechtere Laune.)

Gut, aber dass Diäten nicht funktionieren, wissen wir ja längst. Und die Pharmaindustrie weiß, dass sich damit niemand abfinden will. Big Pharma gräbt und gräbt deshalb in den biochemischen Abgründen unseres Körpers und jedes Jahr, oder so ähnlich, kommt ein neues Hormon oder Psychopharmakon zum Vorschein. Das neueste heißt Oxyntomodulin.

Im International Journal of Obesity berichten Forscher aus London aktuell von ersten erfolgversprechenden Versuchen mit diesem Hormon, das man bereits vor 25 Jahren im Darm von Schweinen entdeckte. Nun spritzte man es Dicken unter die Haut, auf dass sie satt und schlank würden. Und das schien sogar doppelt gut zu funktionieren. Die Teilnehmer der Studie aßen nicht nur weniger, sie bewegten sich gleichzeitig mehr und “verbrannten” so auch mehr Energie (wo im menschlichen Körper ein Ofen steht, ist mir allerdings nach wie vor schleierhaft). Das klingt toll, oder?

Was man allerdings nicht übersehen sollte ist, dass dieses sensationelle Experiment genau vier Tage dauerte. Der Gewichtsverlust betrug 0,5 Prozent – das wäre bei einem 100 Kilo leichten Menschen ein Pfund. Ein Pfund in vier Tagen – jede Bild-der-Frau-Diät ist besser. Wer sich ein wenig mit medizinischer Statistik auskennt, dürfte auch kaum von der Signifikanz der Ergebnisse beeindruckt sein: Sie schrammen für die angeblich erhöhte körperliche Aktivität an dem vorbei, was man Zufall nennt. Einzig handfestes Resultat: Die Probande aßen pro Testmahlzeit 100 bis 150 Kalorien weniger. Das entspricht einem (guten) Riegel Schokolade. Oder zwei mittelgroßen Kartoffeln.

Ob das über viele Monate so weitergehen würde, darf bezweifelt werden. Es gab ja schon Ghrelin, Leptin und PYY, die angeblich alle Probleme der Fettsüchtigen und Dicken lösen konnten. Als Pille tritt demnächst noch Rimonabant auf den Plan, das auch schon als wahres Wundermittel gehandelt wurde. Aber weder die genannten Hormone noch irgendwelche Medikamente haben die massive Essstörung unserer Gesellschaft bislang behoben.

Zum Einen vermitteln sämtliche Präparate in Langzeitversuchen entweder keine oder bestenfalls eine vorübergehende Gewichtsreduktion, dann um maximal 10 Prozent. 10 Prozent klingt viel, aber wenn man 150 Kilo wiegt, können 15 Kilo weniger nicht das Ziel sein. Zum andere wirken all die Mittelchen nicht direkt, sondern indirekt. Sie helfen, weniger zu essen. Weniger essen muss man aber trotzdem. Und, verdammt, das ist es, was die Adipösen nicht schaffen und die Dicken nicht wirklich wollen. Auch nicht mit Pillen und Hormonen. Denn einer Welt des Überflusses ist Verzicht einfach keine Option. Berge von allem, was nahrhaft, süß, fettig ist, in jedem Supermarkt und Billigdiscount – da kommen wir einfach nicht dran vorbei. Auch mit Oxyntomodulin nicht.

1 Kommentar
  1. #1 • zinkant hat am 09.05.2006 gesagt:
     

    Heute morgen hat hier jemand versucht, eine platte Produktwerbung für seine angeblich schlankmachenden Nahrungsergänzungsmittel zu platzieren. Als Kommentar. Lieber “Peter Schmidt”: Don’t try again!

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