Abspecken mit der Proteinkeule

06. September 2006 · Thema: Ernährung, Schweine im Weltall

Die Hoffnung auf ein schlankes Leben ohne Mühe ist nicht totzukriegen. Und immer, immer wieder wird er dabei auf unserem Teller landen: Robert Atkins. Bücher kann der Diätguru keine mehr schreiben – er starb vor gut drei Jahren (mit einem Kampfgewicht von 116 Kilo, entsprechend einem Bodymassindex von 35) – aber was Atkins predigte, die proteinreiche Kost, hält sich hartnäckig. Genauso wie der Glaube, es gebe irgendwo einen Hebel im menschlichen Körper, den man per Spritze oder Tablette umlegen kann, und schon schmilzt der Speck. Nach Atkins müsste das dann ein Proteinhebel sein.

Und tatsächlich: Wie uns eine neue Studie in Cell Metabolism nun weismachen will, gibt es dieses Prinzip.

Wenn Mäuse eine eiweißreiche Mahlzeit essen, schüttet ihr Körper laut Studie nämlich einen altbekannten Stoff ins Blut, das Peptid YY, kurz PYY . Mäuse, die kein PYY herstellen können, werden fett, weil das Hormon ihren Hunger nicht mehr bremst. Normale Mäuse produzieren besonders viel PYY, wenn sie Eiweiß essen.

Der kleine Botenstoff scheint das neue Sesamöffnedich zum schlanken Leib zu sein – dabei hat PYY schon eine kurze, aber rasante Karriere als Schlankheitshormon hinter sich. Vor vier Jahren beschrieb die Forscherin Rachel L. Batterham vom Londoner Imperial College in Nature, dass genetisch manipulierte Ratten ohne PYY hoffnungslos fett, und mit injiziertem PYY dann wieder mühelos dünn werden. Leider konnten 40 internationale Forscherkollegen das damals nicht recht glauben, wiederholten die Versuche, und veröffentlichten vor zwei Jahren in Nature den Gegenbericht: Sie hatten die angeblichen Gewichtsverluste, die die Nager nach einer PYY-Kur erfuhren, nicht reproduzieren können.

Aber jetzt? Die gerade veröffentlichten Ergebnisse sprächen ja doch für eine zentrale Rolle von PYY im Kilobusiness. Doch pikanterweise heißt die Erstautorin der Studie: Rachel L. Batterham. Dass ihre Erfolge von damals niemand nachvollziehen konnte, wedelt sie in einem Halbsatz des Papers ab – um zu dem Ergebnis zu kommen: Erstens macht ein PYY-Mangel fett. Zweitens kann PYY-Ersatz das Gewicht reduzieren. Und drittens wird PYY natürlicherweise in Reaktion auf Eiweißhaltige Mahlzeiten vom Körper synthetisiert. In der Summe klingt das dann nach einem posthumen wissenschaftlichen Beweis für Atkins, und neben vager Andeutungen für einen therapeutischen Ansatz des Hormons heißt es in der Studie denn auch: Eiweiß essen könnte helfen.

Leider wissen wir nur allzu gut, dass weder Atkins noch irgendeine Variation seiner Proteinkeule die Bewohner der Industrieländer bisher dünn gemacht haben. Die Sache dürfte eben komplizierter, der Schwabbel doch nicht ohne Qual zu bewältigen sein. Und auch Batterhams Kollegen werden erneut ihre Zweifel haben. Warten wir also einfach noch einmal zwei Jahre, ob irgendjemand dünne Mäuse aus dem Käfig zaubert – oder wieder sagt, dass der PYY-Trick eine dicke Finte war. Bis dahin gibt es weiter Stullen und Pasta.

6 Kommentare
  1. #1 • Gerd hat am 07.09.2006 gesagt:
     

    Liebe Frau Zinkant,

    aber warum denn so bissig und einseitig? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, dass man “ohne Mühe” und “ohne Qual” etwas gegen den “Schwabbel” tun könnte? Hat denn Gott etwa den Schweiß im Angesicht zur Bedingung für Gewichtsabnahme gemacht, statt für das täglich Brot?
    Erstmal tun Sie dem armen Atkins unrecht, einerseits zu viel Ehr, andererseits zu viel Häme. Atkins hat in erster Linie nicht Protein propagiert, sondern den Verzicht auf Kohlehydrate. Damit war er aber nicht der erste, dieselben Empfehlungen gab es von Brillat-Savarin bereits 1825, oder von Banting 1863, der war damals übrigens ähnlich populär wie Atkins heute. Und vor 50 Jahren gab es die bekannte Punktediät (vielleicht können sich einige Ältere an die Popularität bei ihren Müttern erinnern). Zur Häme: “Kampfgewicht” ist kaum angebracht für das Gewicht eines Toten, zumal ein großer Teil davon auf den Umständen des Todes beruht (anscheinend massive Ödeme durch Organversagen). Das Ganze scheint vor allem eine unappetitliche Kampagne des sogenannten “Physicians Committee for Responsible Medicine” gewesen zu sein.
    Wenn es um einen “Proteinhebel” geht: da geht das Copyright für den Begriff eher an die beiden Physiologen Steve Simpson und David Raubenheimer. Jedenfalls haben die beiden einen Artikel zum Thema so überschrieben: “Obesity: the protein leverage hypothesis”. Mehr dazu in einem Gespräch von Raubenheimer mit der FAS: “Der Eiweiß-Effekt”. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass bereits eine maßvolle Erhöhung des Proteinkonsums die Nahrungsaufnahme insgesamt reduzieren kann.
    Und dann natürlich PYY. In der Tat gibt es einen Trupp von Wissenschaftlern, die Schwierigkeiten mit der Reproduktion der Ergebnisse hatten, einige vielleicht sogar noch haben. In der Biologie muss das jedoch nicht unbedingt gegen die ursprünglichen Daten sprechen, es gibt viele Beispiele dafür, dass kleine experimentelle Details wichtig sein können, die man gar nicht berücksichtigt. Rachel Batterham weist in ihrer Erwiderung auf den “Gegenbericht” auf einige derartige Details hin. So kommt es beispielsweise ganz kritisch auf das “handling” der Versuchstiere an, Stress tut denen gar nicht gut und führt zu abweichenden Ergebnissen. Uns übrigens auch nicht, vielleicht kommt der auch bei uns der segensreichen Wirkung der “Proteinkeule” in die Quere?
    Bei vielen wirkt die “Proteinkeule” aber dennoch, denn eine kohlehydratarme und proteinreiche Ernährung führt zumeist zu einer Gewichtsreduktion. Übrigens auch “ohne Qual” und “ohne Mühe”, jedenfalls ohne Hunger. Dazu gibt es nun eine Menge Studien, auch über ein Jahr hinaus.
    Nochmals zum PYY: meinen Sie wirklich, dass in all den Arbeitsgruppen, die immerhin bis heute mehr als tausend Publikationen zu dem Eiweiß veröffentlicht haben, “niemand” etwas “nachvollziehen” konnte?

    Guten Appetit bei der Pasta,
    Gerd

    PS: ich sehe beim Einpasten, dass die Hyperlinks verloren gehen; kann man die auf die entsprechenden Textteile setzen?
    “Obesity: the protein leverage hypothesis”
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?db=pubmed&cmd=Retrieve&dopt=AbstractPlus&list_uids=15836464&query_hl=14&itool=pubmed_docsum

    “Der Eiweiß-Effekt”
    http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B869A49268EE3F15C/Doc~EC02DACCF258E47828C6F55423C2A25C7~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html

    Erwiderung
    http://www.nature.com/nature/journal/v430/n6996/full/nature02666.html#B5

    liebe gerd, ich setze meine antwort hier mal kursiv drunter, damit sie zuzuordnen ist. zum proteinhebel: das ist eine hübsche geschichte gewesen, dieses interview mit david raubenheimer. ich war damals noch in der wissenschaftsredaktion der fas, ich kenne das also. und weiß auch, das herr raubenheimer insektenforscher ist und den proteinhebel auf der basis seiner arbeit an heuschrecken (oder waren es grashüpfer?) postuliert hat.

    was nicht heißen soll, dass an der sache nichts dran ist! alls diese mechanismen existieren sogar ganz bestimmt, auch beim menschen, und auch das, was frau batterham nun veröffentlicht hat, wird seine molekularbiologische grundlage haben.trotzdem konnten 40 international anerkannte ernährungsforscher den zitierten pyy-versuch nicht reproduzieren (= nach batterhams protokoll wiederholen) . reproduzierbarkeit aber ist unverzichtbar für jeden wissenschaftlichen nachweis.

    falls sie schon einmal in einem tierlabor gearbeitet haben, sollte ihnen auch klar sein, dass die entgegnung mit dem stress hanebüchener unsinn ist. es gibt keine labormäuse ohne stress. auch die mäuse von frau batterham waren mit sicherheit nicht stressfrei, da es keine maus gibt, die sich in einem dinA4-großen käfig entspannen kann.

    und ja, bestimmt kann man dauerhaft abnehmen, wenn man seine ernährung dauerhaft so umstellt, dass man nicht zuviel isst. zuviel von allem. zuviel kohlenhydrate, zuviel protein, zuviel fett – es ist ja nicht so, dass übergewichtige zuwenig eiweiß essen würden. sie essen einfach proportional zuwenig eiweiß und zuviel kohlenhydrate, meist in kombination mit fett. und sie bewegen sich zuwenig.

    mir ist nun klar, dass sie bewegung und ernährung nicht für die schlüsselprobleme in der ganzen dickendebatte halten, und ich stimme ihnen zu. das sind folgeprobleme, die vorübergehenden einfluss, aber letztlich eine beschränkte reichweite haben. die kernprobleme sind psychologischer, gesellschaftlicher und vor allem wirtschaftlicher natur. hinzu kommt eine pathologisierung des physikalischen körpergewichts. das hier breitzuwalzen, würde zu weit führen, aber im prinzip bestimmt das angebot die nachfrage, der überfluss das bedürfnis, und die norm das krankheitsbild.

    keine diät, auch keine proteinbetonte, kann daran etwas grundsätzliches ändern. was nicht heißen muss, dass man mit einer protein-, und genauso auch mit einer kohlenhydratbetonten ernährung kein gewicht verliert. aber dazu gehört der persönliche wille, sich aus dem oben genannten system auszuklinken. viele schaffen das nicht dauerhaft, weil ihnen eben an jeder straßenecke eine pizza oder sonstwas unter die nase gehalten wird, und weil es für sie eben doch eine qual ist, nicht jederzeit (!) zugreifen zu dürfen.

    darum geht’s.

    herzliche grüße!
    kathrin zinkant

  2. #2 • titopoli hat am 07.09.2006 gesagt:
     

    leider haben Sie, Frau Zinkat, einen sehr oberflächlichen Kommentar zu einem sehr komplexen Thema geschrieben.

    Auch Ihnen scheint nicht bewußt zu sein, daß die derzeitigen Eßgewohnheiten unseres Landes ein diätetischer Großversuch sondergleichen ist: leere Kohlenhydrate um Überfluß. Eine Diät, die von Bequemlichkeit und Preis diktiert wird. Kekse, Kuchen, Weißbrot, Brötchen, Industriereis, Industriepasta, Pizza …… Dazu all die Transfette in diesen Gerichten …

    Da ist eine Atkins, South Beach, Sears oder manche andere Diät diesem Industriefraß überlegen – trotz mancher gedanklicher Fehler oder Unvollkommenheit.

  3. #3 • maroni hat am 11.09.2006 gesagt:
     

    mit modifizierter kohlenhydratarmer Ernährung seit Februar 12 Kilo weniger, Blutdruck wieder im normalen Bereich, Reflux verschwunden

    Noch Fragen :-)

    und das alles bei ca 1600 kal je Tag und ohne Sport

  4. #4 • Nicolas hat am 12.09.2006 gesagt:
     

    Seit ich mich eiweissreich ernähre, auch mit Proteinpulvern oder Eiweissriegeln unterstützt, fühle ich mich besser und satter und nehme dabei ab.
    Frage an die Wissenschaftler: Wieviel Energie wird zur Spaltung von Eiweissmolekülen im Vergleich zu Kohlenhydraten oder Fetten mehr aufgewendet?
    Und: 100g Eiweiss sind 400kcal, 100g Fett 900kcal.
    Die Masse macht es, ich muss doppelt soviel Essen, um auf die gleiche Menge zu kommen.

  5. #5 • iggy hat am 12.09.2006 gesagt:
     

    Ach Leute, diese immerwiederkehrende Diskussion um die richtige Diaet, das euch das nicht ermuedet. Es duerfte mittlerweile eigentlich jedem klar sein, das der Schluessel eine gesunde Lebensfuehrung ist (damit meine ich z.B. Sport betreiben) sowie eine vielfaeltige und keine einseitige Ernaehrung. Dies ist vor allen Dingen eine Frage der Erziehung und der Lebensumstaende. Eine einseitige Diaet wie Atkins duerfte vielleicht helfen abzunehmen, keineswegs jedoch den Koerper dauerhaft ausreichend zu ernaehren und gesund zu halten. Wie auch in dem Kommentar schon gesagt wurde, individuell koennen Diaeten vielleicht helfen, aber ein gesamtgesellschaftliches Problem (und Fettleibigkeit ist ja mittlerweile eine weltweites Problem) werden sie nicht loesen koennen. Wenn die gleiche Medienaufmerksamkeit und Marketingmacht die tagtaeglich irgendwelchen neuen und angeblich bahnbrechenden Diaeten gewidment wird, einer vernuenftigen Aufklaerung und Erziehung zu Gute kommen wuerde, dann haetten wir diese masssiven Probleme aller Wahrscheinlichkeit nicht.

  6. #6 • patrick hat am 13.09.2006 gesagt:
     

    Zu Diäten allgemein:

    Die individuelle Komponente ist weitaus stärker als oft erwähnt. Ich plane mein Essen seit Monaten nach Punkten der Weight Watchers, von denen ich bei meinen 98Kg und 186cm ca. 32 pro Tag verwenden darf. Meine Freundin (175 und ca. 58Kg) mampft für ca. 40 Punkte täglich, sie haßt Salat, Gemüse und mag weder Fisch noch Reis noch Obst sonderlich gerne. Ihre Lieblingsnahrungsmittel – meist kommen auch nur diese auf den Tisch – sind Salami, Fleischwurst, Butter, Hackfleisch, Sauce Bolognese, Hacksteak, Brötchen, Nudeln usw. alles Kracher.

    Wir beide haben keine körperlich anstrengenden Tagesabläufe, ihre Kalorien gehen also einfach irgendwo verloren, während mein Körper sie viel effizienter aus dem Essen holt. Sie friert auch sehr schnell. Vielleicht ist es eine Spirale des Energieverbrauchs: Dick hält warm, verbraucht keine Heiz-Kosten undbleibt dick, während dünn sich noch dünner friert???

    Jedenfalls sind diejenigen, die ständig diät und Fitness machen um mich herum meist die eher Dicken und die die gar nichts machen und alles essen, sind oft die Dünneren.

    Fazit: Investiert Eure Zeit in andere glücklich machende Aktivitäten als Diäten und Fitness, vor allem tut was gegen Eure Langeweile und Euren Frust. Dann geht vielleicht auch die eine oder andere Fettrolle baden. Richtig Dicke sollten sich ärtzlich beraten lassen und knallhart und unter Aufsicht eine Abnehmkur durchziehen, anstatt sich mit halbherzigen Selbstversuchen auf Dauer selbst zu erniedrigen. Toi toi toi!

Hinterlasse einen Kommentar!

Kommentar:

Diskussion zum Beitrag als RSS 2.0 Feed abonnieren.


fünf − 5 =