Fressen nach Zahlen

13. Dezember 2006 · Thema: Ernährung

Endlich. Seit langer Zeit diskutiert New York, ob auf den Menükarten seiner Restaurants, zwischen angebotenem Essen und Preis, nicht vielleicht eine weitere Ziffer gequetscht werden soll. Vergangene Woche hat der Senat der Stadt nun die folgenreiche Entscheidung getroffen, dass bestimmte Restaurants ab Sommer 2007 Angaben über den Energiegehalt ihrer Speisen machen müssen. Berichtet die New York Times.

Toll, oder? Künftig kann sich niemand mehr damit herausreden – auch sich selbst gegenüber nicht -, er habe keine Ahnung von der immensen Nährkraft des Tripel-Whoppers (dreimal Fleisch, extra dick Käse, Schlabberbrötchen, 1240 Kalorien) oder des doppelten Chocolate Chip Frappuccino mit Sahne (knapp 600 Hüftenläuse) gehabt – zumal das Zeug nicht mal satt macht. Nein, bald muss man sich das im vollen Bewusstsein der Sünde reindrücken. Der entscheidende Schritt im Kampf gegen die Seuche Adipositas scheint getan.

Die Sache hat nur einen winzigen Haken: Es gibt Klassenunterschiede. Das neue Gesetz wird nur jene Esstempel behelligen, die “standardisierte” Zubereitungen anbieten, und bis März 2007 Informationen über deren Nährwerte veröffentlicht haben. Gemeint sind Ketten wie McDonald’s, Burger King, Kentucky Fried Chicken oder Starbucks. Der Deli an der Ecke oder die New Yorker Luxusesstempel sind davon ausgenommen.

Damit ist die Zielgruppe begrenzt auf jene Menschen, die gern schnell und billig essen. Trifft doch die Richtigen!, könnt man sagen. Dachten sich die Politiker wohl auch, als sie sich das neue Gesetz zurechtlegten, denn Übergewicht und sozialer Status hängen bekanntlich eng miteinander zusammen: Je ärmer, desto dicker, das haben zahllose Studien belegt. Leider haben diese Studien auch gezeigt, dass nicht nur das Geld eine Rolle spielt, sondern ebenso die Bildung.

Was soll jemand, der keine Ahnung von Nährwertbedarf, den Folgen eines zu hohen Körpergewichts und der Rolle so genannter Transfette in der Entstehung von Krankheiten hat, mit der Kalorienzahl des Cheeseburgers anfangen, den er sich gerade zwischen die Zähne klemmt? Nichts. Die neue Ziffer wird ihn – oder sie – nicht einmal interessieren. Und wer es doch wissen will, muss gar nicht warten, bis er die Informationen explizit auf der Speisekarte präsentiert bekommt. Im Netz kann man längst abrufen, wieviel Energie man sich bei McDonald’s, Starbucks, Burger King (als Broschüre zum Download) oder Taco Bell (auch hier als pdf zum Ausdrucken) auf den Teller, respektive in die Hände, legt. Profitieren werden also nur die, die bereits bewusst essen. Udd eigentlich auch ohne Kalorienzahl wissen, dass ein Getränk mit Sahne, weißer Schokolade und zehn Prozent Zucker weder gesund noch gewichtsfreundlich ist. Und die sowas deshalb nur ausnahmsweise konsumieren.

An der Fettleibigkeit der Amerikaner aber hat der Caloriecounting-Hype (unter anderem sind entsprechende Angaben seit vielen Jahren auf jedem Lebensmittel Standard) bisher nichts geändert. Die Unternehmen wissen, warum sie ihre oft hochdetaillierten Nährwertanalysen so bereitwillig zur Verfügung stellen, es schadet ihnen nicht, im Gegenteil: Das Gros ihrer Klientel kann mit den wissenschaftlichen Zahlen schlicht gar nichts anfangen, und die dicksten Profiteure am nationalen Übergewicht dürfen, für den Schaden, den sie mit ihren Produkten anrichten, nicht einmal mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Sie haben ihre Kunden ja über alles informiert.

Dreht man den Gedanken weiter, wird so ein Gesetz den Graben zwischen den gesellschaftlichen Schichten also nur vertiefen. Wer die Zahlen auf der Speisekarte nicht versteht, weil ihm die grundlegenden Kenntnisse fehlen, wird nicht nur fett bleiben, sondern gerade im hoch sozialen Amerika zunehmend Schwierigkeiten haben, die Folgebehandlungen von Medicare oder einem der anderen Krankenversicherer bezahlt zu bekommen. Schlechtere Gesundheit bedeutet aber auch: weniger Arbeitskraft und weniger Geld.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich in Europa diesmal niemand von solch ausgemachten Unsinn inspirieren lässt.

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