Hormonische Liebe

01. Mai 2006 · Thema: Leib und Seele

Es wird ja wieder viel über Gleichberechtigung gesprochen. Doch während sich die öffentliche Debatte hauptsächlich ums Kinderkriegen und um Vätermonate dreht, kommt aus der Forschung ein Signal aus der gegenüberliegende Ecke: Es geht ums Nicht-Kinderkriegen. Sprich: Um Verhütung.

Jetzt BITTE nicht wieder die “Pille für den Mann”? Doch! Zugegeben, das Thema hat über die Jahre eine gewisse Zähigkeit erlangt, und von einer Pille ist noch immer nichts zu sehen. Das Ganze bleibt aber nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht spannend, selbst wenn die neueste Meldung am Samstag in einem wissenschaftlichen Magazin veröffentlich wurde.

Kleine Exkurs vorab: Die Pille für den Mann ist im Moment noch eine Spritze. Oder eine Kombi aus Implantat plus Spritze. In der Spritze ist immer Testosteron. Männer brauchen das Hormon, um typisch männlich zu erscheinen – und um zeugungfähig (!) zu sein. Spritzt man Testosteron allerdings von außen zu, unterdrückt es die Spermienproduktion (über das Gehirn). Ansätze mit Implantat funktionieren anders: Das Implantat enthält ein Gelbkörperhormon, das dir Bildung von Spermien direkt unterdrückt. Blöderweise unterdrückt es im Zuge dessen auch die Testosteronproduktion – deshalb muss hier ebenfalls die Spritze her, sonst gerät der Mann rasch zum Eunuchen. Testosteron lässt sich bisher nicht als Pille verabreichen, es wird von der Leber abgebaut.

Im Medizinjournal Lancet (Achtung, zum Lesen des Abstracts muss man sich registrieren. Kostet aber nix.) berichten Forscher aus Sidney und Los Angeles nun, dass die “Pille” für den Mann – egal, ob Spritze oder Kombi – nicht dauerhaft unfruchtbar macht. In 30 ausgewerteten Studien erreichten fast alle Männer nach Absetzen der Hormone wieder normale Spermienkonzentrationen. Damit ist eine der größten Befürchtungen – nach solch einer aufopferungsvollen Behandlung mit Zeugungsunfähigkeit geschlagen zu sein – aus dem Weg geräumt.

Für Männer, die das wirklich wollen – verhüten mit Hormonen – ist das eine gute Nachricht. Ebenso für Frauen, die Kondome hassen, die die Pille nicht vertragen, mit natürlichen Methoden nicht zurecht kommen, nicht wollen, dass sich der Mann sterilisieren lässt – oder die einfach der Meinung sind, dass Männer sich als Strafe für mehr als dreißig Jahre Frauenpille jetzt selbst mal sowas antun sollten. Doch wer diesen, ursprünglich im Independent veröffentlichten Bericht eines Briten gelesen hat, der an einer Studie zur Männerpille teilnahm, muss sich doch unwillkürlich fragen, ob das wirklich so eine tolle Idee ist. Zumal langfristige Nebenwirkungen der Hormonberieselung schwer absehbar sind – man weiß bereits, dass die Entzündungsneigung durch die Implantathormone zunimmt, und das kann sich nachhaltig auf das Infarktrisiko der Verhütenden auswirken.

Und das, nur weil Frauen sich ähnliches seit Jahrzehnten antun? Das ist mal eine merkwürdige Form von Gleichberechtigung. Ich setze mich einem erhöhten Brustkrebsrisiko aus, also musst du auch mal dein Infarktrisiko in die Pflicht nehmen? Wenn in einer angeblich nach Kindern trachtenden Gesellschaft so gedacht wird, stimmt doch was nicht. Zumal das eigentliche Problem – ob sich Männer an der Familienplanung beteiligen oder nicht – damit überhaupt nicht gelöst wird.

Männer, die weder Kondome benutzen noch sich sterilisieren lassen wollen, werden wohl höchst selten dazu übergehen, ihren Hormonhaushalt zu manipulieren. Zwar gibt es Umfragen, denen zufolge 70 Prozent aller Männer eben doch dazu bereit wären. Aber die Umfrage sollte man nochmal wiederholen, wenn die “Pille” auf dem Markt ist und die Befragten sich den Beipackzettel durchgelesen haben. Schrumpfende Hoden, Schweißausbrüche und das benannte Infarktrisiko dürften reichen, um das starke Geschlecht an seinen hypochondrischen Wurzeln zu packen.

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