Hormone auf die Ohren

06. September 2006 · Thema: Leib und Seele

Die Hormontherapie hat nun schon ziemlich lange keinen guten Ruf mehr, aber der Strom an schlechten Nachrichten in punkto Nebenwirkungen reißt nicht ab. In den Proceedings of the National Academy of Sciences erscheint in dieser Woche eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und der am häufigsten verordneten HT sieht: Von 120 Frauen, die entweder keine Hormone, nur Östrogen oder die Kombination aus Östrogen und Gestagen eingenommen hatten, hörten die Frauen aus der Kombigruppe am schlechtesten.

Deutsche Experten halten diese Beobachtung allerdings für zweifelhaft – zumindest jene beiden Fachleute, die von der Nachrichtenagentur dpa und damit in vielen Medien (zum Beispiel in der Welt am Sonntag) zitiert werden. Der HNO-Arzt hält die festgestellten Hörverluste für vernachlässigbar, da diese vorwiegend im Tieftonbereich aufgetreten seien. “Das ist nichts, worüber man sich als ältere Frau Sorgen machen sollte”, sagte der Mediziner der dpa. Der Medizinstatistiker meint gar, als Gutachter hätte er von einer Veröffentlichung der Studie abgeraten. Die Resultate waren ihm nicht weit genug vom Zufall entfernt.

Was sagt uns das also? Hat das Wissenschaftsjournal die Geschichte ohne Grund aufgeblasen – und macht den Frauen unnötig Angst vor der Hormontherapie?

Man mag sicher bemängeln, dass die sogenannte statistische Signifikanz der Ergebnisse höher hätte sein müssen. Viele Frauen werden, obwohl sie jahrelang Hormone genommen haben, eben doch nicht schlechter hören – jedenfalls nicht deswegen. Doch es kommt auf die Summe an. Das möglicherweise erhöhte Risiko für einen Hörverlust gesellt sich zu erhöhten Risiken für Brustkrebs, für Schlaganfälle und Thrombosen. Letztgenannte wiegen schwerer als das schlechte Hören, weil sie lebensbedrohlich sind. Gleichzeitig aber verleihen sie jeder zusätzlichen Nebenwirkung – also auch dem Hörverlust – mehr Gewicht.

Den Herstellern von Hormonpräparaten wird gefallen, was die Experten zu der neuen Studie gesagt haben. Steigt doch die Zahl der Frauen wieder, die nicht nur den Wechseljahresbeschwerden, sondern auch dem Altern mit Hormonen entgegenwirken wollen. Inzwischen kommen auch wieder neue Präparate auf den Markt, Kombinationen aus Östrogen und einem meist neuen Gestagen, aber immer noch Varianten des alten Rezepts. Kritiker der Hormontherapie klagen derweil weiter über die mangelhafte Aufklärung der Konsumentinnen.

Es bleibt natürlich Sache der Frauen, ob sie Hormone schlucken wollen oder nicht – sofern sie umfassend informiert werden. Dazu gehört nun aber auch, auf den gezeigten möglichen Hörverlust hinzuweisen – neben Brustkrebsrisiko, Thrombosen und der wachsenden Gefahr von Schlaganfällen. Denn dass sich ältere Frauen keine Sorgen um Nebenwirkungen machen müssen, wenn sie Hormone nehmen, stimmt einfach nicht.

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