Das fette Wunder

01. November 2006 · Thema: Ernährung, Leib und Seele, Medien

Wenn es um ein wirklich bahnbrechendes Thema geht, dann verlieren auch Zeitungen schnell mal die Geduld und halten sich nicht an die so genannten Embargos, also Sperrfristen. Heute wieder geschehen. Das Corpus delicti ist eine Studie, die in der kommenden Ausgabe von Nature erscheint. Und die sagt, scheinbar wirklich bahnbrechend: Ihr dürft hemmungslos zuschlagen, esst, soviel ihr wollt! Denn Resveratrol befreit euch zwar nicht vom Übergewicht, aber von seinen gesundheitlichen Risiken – und deshalb verlängert es euer Leben!

In der Studie selbst haben natürlich nur Mäuse von dem Zaubermittel profitiert, das vorneweg, und dazu ein paar Informationen zum Stoff selbst: Resveratrol ist kein Unbekannter, Rotweinliebhabern dürfte der Name geläufig sein, und viele Forscher haben sich schon an dieser Substanz aufgerieben. Es ist ein sekundärer Pflanzenstoff aus der Schale von Weintrauben, der während des Gärungsprozesses herausgelöst wird – und deshalb nur in Rotwein steckt. Für Weißwein nimmt der Winzer allein den Saft der Trauben. Entdeckt hat man Resveratrol, als man das französische Paradox enträtseln wollte: In Südfrankreich aßen die Menschen nämlich schon früher nicht sehr gesund. Käse, Weißbrot, viel Fett, wenig Vitamine. Trotzdem hatten sie viel seltener Probleme mit der Pumpe als nordeuropäische Kollegen, was die Epidemiologen überraschte. Die Vermutung: Es lag am Rotwein.

Es sind inzwischen weit mehr als Tausend Studien über Resveratrol und seine gesundheitlichen Effekte erschienen. Gefäßzellen im Labor wurden quasi stählern, Hefen und Würmer uralt – und vor Huntington soll der Rotweinzauber auch noch schützen.
Die neue Studie aus den USA setzt dem ganzen jetzt aber das Krönchen auf. David Sinclair, der an der Harvard Medical School schon seit vielen Jahren im Tiermodell mit Resveratrol experimentiert, hat Mäuse auf eine Art Kokosnusscremetorten-Diät gesetzt, mit vielen Kalorien, die vornehmlich aus dem Fett in der Nahrung stammten. Ein Teil der Mäuse bekam zusätzlich zu den üppigen Mahlzeiten noch eine hohe Dosis Resveratrol verabreicht. Für die Kontrollmäuse gab es nur den normalen Fraß, mit weniger Kalorien und weniger Fett.

Die Resultate sind dem Paper zufolge wirklich atemberaubend. Keine Insulinresistenz, keine Fettleber, erhöhte motorische Fähigkeiten und ein um dreißig Prozent verlängertes Leben – die Resveratrolmäuse wurden zwar genauso fett wie ihre gemästeten Käfignachbarn, aber die schweren gesundheitlichen Konsequenzen einer Adipositas, oft als metabolischen Syndrom zusammengefasst, mussten sie nicht tragen. Fett aber fit, und das alles dank Resveratrol?

Schön wär’s. Nun kann – und muss – man die üblichen Einwände vorbringen: Das Mausmodell ist kein Menschenmodell, Menschen sind zudem weit vielfältigeren Einflüssen ausgesetzt als laborbehütete Nager. Auch kommen fast alle Studien, in denen Resveratrol das Leben von irgendeinem Viech verlängert hat, aus derselben Arbeitsgruppe – jener von David Sinclair in Harvard. Bevor eine andere, unabhängige Forschergruppe die Ergebnisse nicht reproduziert hat, sind sie deshalb hochinteressant, mehr nicht. So ist das in der Wissenschaft.

Ein winziger Verweis sollte aber wirklich jeden stutzig machen, der sich nun frohgemut auf diese Sensation stürzt und Resveratrol zum Jungbrunnen erklären will. Ganz am Ende des Papers, noch hinter der Literaturliste erklären die Autoren der Studie ihre “competing financial interests“. Für den Laien: Die Autoren haben wirtschaftliche Interessen, die unmittelbar mit den Resultaten der Studie zu tun haben.

Das muss nicht heißen, die Studie sei in irgendeiner Form manipuliert. Doch der verpflichtende Hinweis, so versteckt er auch angebracht ist, hat seinen Sinn. Welches finanzielle Eisen Sinclair et al. hier im Feuer haben, wird nun leider erst mit der Veröffentlichung des Papiers am Donnerstag offenbar, die Autoren verweisen auf die Online-Ausgabe. Resveratrol indessen ist schon jetzt ein beliebtes Nahrungsergänzungsmittel und als solches käuflich. Allerdings ist der Wunderstoff in den Staaten auch als investigational drug akzeptiert. Sollte sich herausstellen, dass Resveratrol tatsächlich für die Behandlung von Millionen Fettleibigen taugt, und das auch noch ohne die Notwendigkeit anstrengender Diäten – als Medikament wäre der Stoff nicht mehr einer von vielen, sondern ein Milliardengeschäft.

Man darf gespannt sein.

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