Brathirnalarm II

03. Februar 2007 · Thema: Leib und Seele, Medien

“Handys können Krebs verursachen”. Wohlgemerkt “können”, nicht “könnten”. Diese Zeile hat die Süddeutsche Zeitung erst vor zwei Tagen an die größte Glocke gehängt, die sie finden konnte. Das Risiko, an einer bestimmten Art Hirntumor mit Namen Gliom zu erkranken sei einer Studie zufolge um 39 Prozent erhöht. Und zwar für Menschen, die seit mehr als zehn Jahren regelmäßig oder besonders intensiv ein Handy benutzen. Also für die meisten von uns.

BILD nahm das dankend auf, auch wenn sich diese Schockmeldung als so gehaltvoll wie eine hohle Nuss entpuppte. Die zitierte Studie kommt tatsächlich zu dem Ergebnis, dass es keine Belege für ein erhöhtes Risiko gibt.

Am Freitag hat die SZ trotzdem nachgelegt. “Wer extrem lange Zeit und sehr intensiv telefoniert, hat offenbar ein leicht erhöhtes Gliom-Risiko”, heißt es im Panorama. Das klingt schon etwas weniger dramatisch als zwei Tage zuvor. Stimmt aber immer noch nicht. Für alle, die der englischen Sprache mächtig sind: Nachfolgend das so genannte Abstract, also die Zusammenfassung der Studie. Wichtige Passagen von mir gefettet.

Public concern has been expressed about the possible adverse health effects of mobile telephones, mainly related to intracranial tumors. We conducted a population-based case-control study to investigate the relationship between mobile phone use and risk of glioma among 1,522 glioma patients and 3,301 controls. We found no evidence of increased risk of glioma related to regular mobile phone use (odds ratio, OR = 0.78, 95% confidence interval, CI: 0.68, 0.91). No significant association was found across categories with duration of use, years since first use, cumulative number of calls or cumulative hours of use. When the linear trend was examined, the OR for cumulative hours of mobile phone use was 1.006 (1.002, 1.010) per 100 hr, but no such relationship was found for the years of use or the number of calls. We found no increased risks when analogue and digital phones were analyzed separately. For more than 10 years of mobile phone use reported on the side of the head where the tumor was located, an increased OR of borderline statistical significance (OR = 1.39, 95% CI 1.01, 1.92, p trend 0.04) was found, whereas similar use on the opposite side of the head resulted in an OR of 0.98 (95% CI 0.71, 1.37). Although our results overall do not indicate an increased risk of glioma in relation to mobile phone use, the possible risk in the most heavily exposed part of the brain with long-term use needs to be explored further before firm conclusions can be drawn.

© 2006 Wiley-Liss, Inc.

“Increased OR of boderline statistical significance” heißt übrigens: Die einzige tatsächlich ermittelte Erhöhung eines Risikos – für ein Gliom bei Langzeitvieltelfonierern auf der bevorzugten Kopfseite, und wirklich nur für die! – ist zweifelhaft, weil der so genannte Signifikanz-Wert p groß ist. Hier: p=0,04.
Ab p= 0,05 kann das Ergebnis statistisch nicht mehr vom Zufall unterschieden werden. Wirklich aussagekräftige Rechenergebnisse liegen für p weit darunter und firmieren als hochsignifikant, oder gar extrem signifikant (p ist dann kleiner oder gleich 0,001).

Mit anderen Worten: Noch immer ist der Verdacht, dass Handys Krebs machen, nicht einmal ein Verdacht. Punkt.

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