Gedächtnis in Flaschen

20. Januar 2010 · Thema: Ernährung, Leib und Seele, Schweine im Weltall

Ich find’s echt klasse, wenn sich große Lebensmittelkonzerne um die Gesundheit ihrer Kunden bemühen. Insbesondere, wenn die betreffende Zielgruppe gleich vergisst, wie viel Geld sie für die fadenscheinigen Produkte zum Fenster rausgeworfen hat. Aber vielleicht verschleudern dieses Geld künftig auch die Krankenkassen, stellvertretend für ihre Alzheimerklientel?

Es ist nämlich so, dass Nutricia, eine Spezialeinheit des Danone-Konzerns, einen Nährstoff-Milchdrink entwickelt hat, der die Nervenkontakte (aka Synapsen) im degenerierten Hirn Demenzkranker wieder auf Trab bringt. Na ja, oder auf Trab bringen soll. Vielleicht auch könnte. Die verbalen Synapsen zumindest.

Man weiß es halt noch nicht so genau, weil die nun veröffentlichte, erste klinische Studie an 225 Alzheimerpatienten im Grunde zu keinem nennenswerten Ergebnis geführt hat. 40 Prozent der Probanden schnitten in einem der vielen durchgeführten Gedächtnistests etwas besser ab. nach drei Monaten. In der Placebogruppe waren es im besagten Test immer noch 24 Prozent. Alle anderen Tests: Fehlanzeige.

Hm. Eigentlich wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass es sich bei Souvenaid® bloß um eine Art flüssige Vitaminpille handelt, die abgesehen von B-Vitaminen noch diverse Antioxidantien, Cholin (Rohstoff für Hirnbotenstoffe, einst Vitamin B4 genannt, zb. in Eiern), Uridin-Monophosphat (ein körpereigenes Zwischenprodukt in der Biosynthese von Erbgutbausteinen) und natürlich, was sonst, Omega-3-Fettsäuren enthält. Kaum was neues dabei, und alles entweder über eine vernünftige Ernährung oder die leibliche Biochemie zu beziehen.

Das hinderte die beteiligten Institutionen trotzdem nicht daran, das Nichtresultat der Studie in vollmundigen Pressemitteilungen (hier und hier und hier) anzupreisen. Man will da irgendwo ein Potential erkennen, sogar eines, das über die Prävention und Therapie von Alzheimer hinaus geht, zum Beispiel in Richtung Prävention und Therapie von Parkinson.

Das behauptet jedenfalls Richard Wurtman, seines Zeichens “Cecil H. Green Distinguished Professor of Brain and Cognitive Sciences” am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das MIT hält Patente auf den Einsatz von – na? – Cholin, Uridin und Omega-3-Fettsäuren in der Behandlung von Hirnkrankheiten. Erstautor Philip Scheltens vom VU University Medical Center in Amsterdam genießt die uneingeschränkte Forschungsförderung von Nutricia, respektive Danone.

Bei Nutricia wiederum  möchte man “Danones Mission” unterstützen, “Gesundheit durch Nahrungsmittel zu so vielen Menschen wie möglich” zu bringen. Entsprechend freut sich Präsident Flemming Morgan: “I am delighted with the progress we have made to prepare Souvenaid® for the market. …. We know that there is a substantial unmet need in this area.”

Mit “area” meint er das in der Tat trostlose Feld der Antidementiva.  Dennoch sollte man besser  diesen Hoffnungsschimmer beachten, und der vergesslichen Mutter ein Handy in die Hand drücken, anstelle eines Milchdrinks. Wenn’s – wider Erwarten! – nicht hilft, lassen sich Handys wenigstens orten.

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