Zusammengestotterter Unfug

16. Februar 2010 · Thema: Leib und Seele

Gene sind ja geheimnisvoll. Und dazu noch fürchterlich komplex! So komplex, dass manch Interpretation ganz mühselig an den Haaren herbei gezogen werden muss. Aktuelles Beispiel: Die Entdeckung der Stotter-Gene.

Um es vorweg zu nehmen: Forscher haben schon vieles in den Genen entdeckt, aber noch keine Stotter-Gene. Auch jetzt nicht.

Die neue Studie im New England Journal of Medicine, um die es hier geht,  hat allein und ausschließlich gezeigt, dass in einer pakistanischen Großfamilie mit vielen Stotterern  eine schwache statistische Häufung von bestimmten Mutationen im Ergbut der Betroffenen auftritt. Und zwar in drei Genen, die für bestimmte Stoffwechselprozesse in jeder Körperzelle wichtig sind, die aber mit dem Sprechen erstmal nix zu tun haben – und die auch in völlig intakter Form niemanden vom Stottern abhalten.

Was in den Nachrichtenredaktionen leider niemanden davon abhält, ordentlich auf die Pauke zu hauen. Ein paar Kostproben:

Der telegraph.co.uk versteigt sich sogar zu der Behauptung, Stottern habe “weniger mit Nervosität als mit den Genen” zu tun, und preist die Arbeit aus dem NEJM als “Durchbruch, der zu neuen medikamentösen Behandlungswegen führen könnte” (sic!)

Mal ganz davon abgesehen, dass es sich beim Stottern nicht um eine Sprachstörung handelt, sondern wenn, dann um eine Sprechstörung – oder treffender noch: um einen gestörten Redefluss – ist jede dieser Aussagen grober Unfug. Es ist überhaupt nicht klar, ob der schwache statistische Zusammenhang zwischen mutierten Genen und Stottern überhaupt ein kausaler ist, sprich: Ob es eine Verknüpfung zwischen den entsprechenden Stoffwechselgenen und Problemen im Redefluss gibt. Die Ergebnisse beantworten auch nicht die Frage, ob Stottern erblich ist, oder psychisch bedingt, oder beides. Es liegt zwar nahe, dass es genetische Faktoren geben muss, weil Stottern in manchen Familien über mehrere Generationen hinweg häufig auftritt – aber das tut es eben nicht immer.

Immer aber werden solche – in der Tat nicht einfachen – Zusammenhänge auf stumpfe Schwarzweiß-Botschaften heruntergebrochen. Am Ende kann man nur hoffen, dass sich jeder auch die Kommentare zu den zitierten Artikeln durchliest. Einige erfahrene Stotterer äußern sich da in sehr differenzierter Weise – und verschaffen weit mehr Einblicke in die Welt des Stotterns, als solche Nachrichten.

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