Quatsch mit Schokolade

05. April 2010 · Thema: Ernährung, Medien

Deutsche Forscher wollen endlich bewiesen haben, was Freunde süßer Sauereien sich lange erhofften: Schokolade ist gar nicht ungesund, im Gegenteil. Sie schützt sogar vor kranken Herzen und Schlaganfällen!

Ok. Klar. Es ist schwierig, die Meldungsseiten (zum Beispiel hier und hier und hier und hier und hier und hier noch eine ganze Liste) um Ostern herum vollzukriegen, in den Redaktionen sitzen schließlich auch nur Menschen. Außerdem kommt die Schokoladennachricht ja aus dem “renommierten” Deutschen Institut für Ernährungsforschung, kurz DIfE, das aus unerfindlichen Gründen über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint. Muss also was dran sein, an der Pressemitteilung , die das Institut kurz vor Ostern in die mediale Runde schickte. Hm. Oder?

Abgesehen davon, dass diese frohe Kunde mit Sicherheit nicht zufällig parallel zur zweitgrößten Schokoladen-Orgie des Jahres über uns kommt: Ein Blick auf die Studie, die für die Öffentlichkeit leider nur als Mini-Zusammenfassung zugänglich ist, aber Journalisten über die einschlägigen Quellen vollständig zur Verfügung steht, lehrt uns zwar viel darüber, wie Ernährungsforschung funktioniert.

Das Paper beweist aber keinesfalls, dass Schokolade vor Infarkt in Hirn oder Herz schützt. Tut das Paper nicht. Nein. Nein. Nein.

Warum nicht? Wie so oft gibt der Methodenteil Aufschluss:

  • Die Daten über den Schokoladenkonsum wurden vor 12 bis 16 Jahren erhoben, und zwar im Rahmen der European EPIC-Studie, die den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs untersuchen soll. Also: Ernährung. Krebs. Es ging nicht unmittelbar um den Zusammenhang zwischen Schokolade und Herzinfarkt
  • Die Daten rühren von einem Fragebogen, dem Food Frequency Questionnaire, der in Eigenregie von den Teilnehmern ausgefüllt wurde. Die deutsche Variante emittelte zu 148 “items”, wie oft und wieviel der Teilnehmer von bestimmten Lebensmitteln in den 12 Monaten vor der Selbstbefragung gegessen hatte. Die Validierung des FFQ hat gezeigt, dass die Antworten nicht für alle Lebensmittelgruppen gleich zuverlässig sind.
  • Die Teilnehmer mussten in zwei von diesen 148 Fragen angeben, wieviel Gramm Schokolade oder wie viele Schokoriegel à 50 Gramm sie im vergangenen Jahr gegessen hatten. Nach der Art der Schokolade wurde nicht gefragt.
  • Etwa acht Prozent der Teilnehmer bekamen noch einen Anruf, und wurden nach ihrem Speiseplan des vergangenen Tages befragt – unter anderem auch dazu, welche Art von Schokolade sie – wenn – gegessen hatten. Die überwiegende Mehrheit hatte Schokolade mit einem geringen Kakaoanteil gegessen.
  • Nach Ende der Befragungen – also nach 1998 – wurde nicht weiter nach dem Schokoladenverzehr gefragt, sondern allein das Auftreten von Herzkreislauferkrankung, Herzinfarkten oder Schlaganfällen bis 2006 verfolgt. Die Vermeldung einer Herzkreislauf-Erkrankung oblag dabei wieder den Betroffenen selbst.

Vor diesem Hintergrund kommen die Forscher zwar zu dem Schluss, dass sich aus den Daten rein rechnerisch – und es wurde viel, viel herein-. heraus- und herum gerechnet – eine statistische Verknüpfung zwischen Infarkt, Schlaganfall und einer vor 12 Jahren gemeldeten 6-Gramm-Tagesration Schokolade ergibt.

Die Wissenschaftler können sich dieses Phänomen aber selbst nicht recht erklären, weil die Schokolade hier ja eher kakaoarm war, und es wenn, dann doch nur der Kakao mit seinen wertvollen Flavonoiden (vor allem dem Flavanol Epicatechin) sein kann, der die Gefäße frei hält. Sie weisen zudem ausdrücklich auf die vielfältigen Schwachsstellen ihrer Erhebung und der Berechnungen hin, und raten deshalb genau so ausdrücklich davon ab, voreilige Schlüsse zu ziehen:

“Kleine Mengen Schokolade dürfen erst dann Teil einer Ernährung zum Schutz vor Herzkreislauferkrankungen werden, wenn (unsere Ergebnisse) in anderen Beobachtungsstudien und vor allem in randomisierten Studien bestätigt worden sind”

Das würde ich jetzt auch mal so sehen.

Und gerne wissen, wie man da auf Behauptungen kommt, wie “Eine deutsche Langzeitstudie hat nachgewiesen: Schokolade schützt das Herz” kommt – oder darauf, dass die Forscher vom DIfE mit ihren Berechnungen nun einen “Freifahrtschein für Naschkatzen ausgestellt” (sic!) hätten.

1 Kommentar
  1. Pingback
    Trackback: Allan • 01.07.2014

    Allan

Hinterlasse einen Kommentar!

Kommentar:

Diskussion zum Beitrag als RSS 2.0 Feed abonnieren.


7 + = fünfzehn