Lieber vergessen…

15. Oktober 2007 · Thema: Allgemein

Kaum einer, der das beklemmende Lied der Demenz nicht kennt: Immer mehr Menschen erkranken an der Alzheimer’schen Krankheit. Ob eine frühe Diagnose da was bringt?

Immerhin, niemand kann den Betroffenen helfen, jedenfalls nicht auf medizinische Weise. Eine wirksame Therapie gibt es nicht: Die zwei Standardmedikamente – Acetylcholinesterase-Hemmer und Memantine – werden zwar fleißig verschrieben, aber dass diese Präparate auch nur ein kleines bisschen helfen, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Als einer der Gründe für die schwache bis nicht vorhandene Wirkung besagter Substanzen gilt aber eben der späte Zeitpunkt der Diagnose. Ob ein Patient an einer Alzheimer-Demenz leidet, stellt der Arzt im Ausschlussverfahren fest, sprich: Wenn er nix anderes findet, ist es eben Alzheimer. Bislang zumindest.

Denn nun haben Forscher von der Stanford University in Kalifornien einen neuen Test vorgestellt. Er soll die Diagnose der großen Vergesslichkeit zu einem Zeitpunkt ermöglichen, zu dem die Patienten noch völlig symptomfrei sind – nach Aussage der Wissenschaftler schon bis zu sechs Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit. Das Prinzip ist dabei simpel: Der Test misst die Konzentration von eineinhalb Dutzend Eiweißen im Blut. Diese 18 Proteine sind Signalstoffe, die von den Zellen für den Austausch von Informationen benutzt werden. Die Forscher aus Stanford konnten zeigen, dass sich die Menge dieser Eiweiße sich im Zuge einer Alzheimer-Demenz so deutlich verändert, dass mit ihrer Hilfe eine Frühdiagnose möglich ist.

Wie schön! Denn: Stellen Sie sich mal vor, sie sind Ende Fünfzig, fühlen sich fit und lebensfroh – und haben keinen blassen Schimmer davon, dass Sie in sechs Jahren ziemlich schnell ziemlich vergesslich werden, dass sie komische Dinge tun – mit Pantoffeln spazierengehen zum Beispiel oder einfach mal jemandem eins auf die Rübe geben – und alle fünf Minuten dieselbe Geschichte über Tante Marthas legendäre Suppe aus ihrer Kinderzeit erzählen, während sie sich an den Namen ihrer eigenen Tochter nicht mehr so genau erinnern.

Was also, wenn man das nicht vorher weiß? Ist das schlimm? Für jene, die an eine Doch-Wirksamkeit der schwachbrüstigen Alzheimer-Therapeutika glauben, wenn man sie nur frühzeitig einsetzt: vielleicht. Allen anderen bringt der neue Frühtest (so er denn bald erhältlich sein wird) wenig. Am wenigsten nützlich wird er für jene zehn Prozent sein, die mit einem falsch-positiven Ergebnis rechnen müssen – und sich dann vor einem Schicksal ängstigen, das ihnen gar nicht bevorsteht.

Dass die Forscher und viele Kollegen in der Presse jubeln angesichts des neuen Tests, mag aus wissenschaftlicher Perspektive also verständlich sein. Künftig wird man das Frühstadium dieser schweren Erkrankung deutlich besser untersuchen können. Aber für die Patienten bringt der neue Test eher den düsteren Nachteil des Wissens – solange zumindest, bis endlich ein wirksames Medikament gegen das große Vergessen gefunden ist.

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