Halbe Wahrheiten

22. Oktober 2007 · Thema: Leib und Seele, Medien

Die Süddeutsche Zeitung hat mal wieder einen Mythos auffliegen lassen: Die Zeitung verkündet heute auf ihrer Titelseite (und hier online), die Psyche stünde in keinem Zusammenhang mit der Entstehung oder dem Verlauf von Krebserkrankungen. Aber stimmt das wirklich?

Besagte Studie erscheint in der Dezemberausgabe des Fachblatts Cancer: Mehr als Eintausend Patienten mit Tumoren im Kopf- oder Halsbereich haben amerikanische Wissenschaftler untersucht – und festgestellt, dass die psychische Verfassung der Betroffenen sich nicht auf den Verlauf der Erkrankung auswirkte.

Diese Erkenntnis ist insofern wichtig, als dass Krebspatienten oft mit dem Vorurteil zu kämpfen haben, Sie seien teilweise selbst für ihre Heilungschancen verantwortlich, und zwar, in dem sie die richtige, positive Einstellung zu ihrer Erkrankung gewinnen müssten. Was natürlich Unsinn ist und die Patienten nur stigmatisiert, sie unter eine Art Gute-Laune-Druck setzt. Das das falsch ist, hat allerdings nicht erst die gerade veröffentlichte Studie gezeigt. Andere Untersuchungen kamen früher zu demselben Ergebnis. Zum Beispiel veröffentlichte das Psychological Bulletin im Mai eine Metaanalyse, die der Psychotherapie jede Wirkung in der Behandlung von Krebspatienten absprach. Zumindest, was die organisch messbaren Ergebnisse anging, ergo: die Überlebenszeit.

Worum es in der Studie aber eben nicht geht, ist das Krebsrisiko. Dass die Psyche hier keine Rolle spielen soll, kann niemand ernsthaft behaupten – nicht, wenn es um die Entstehung von Krebs geht. Obwohl eine direkte Beziehung zwischen mangelndem Glückempfinden und Krebsrisiko bisher nicht nachgewiesen werden konnte, gibt es doch klare Beziehungen zwischen einer kranken Psyche und Verhaltensweisen, die das Risiko für Krebs deutlich erhöhen. Und körperlichen Beeinträchtigungen, die ihrerseits das Risiko für Tumoren erhöhen.

Das gilt vor allem für das Rauchen: Forscher von der amerikanischen Columbia University konnten beispielsweise zeigen, dass Menschen mit Aufmerksamkeitsstörungen besonders häufig nikotinabhängig werden und extreme Probleme damit haben, auf Zigaretten zu verzichten. Dasselbe gilt für Depressive oder Angstpatienten. Über den Zusammenhang zwischen Zigaretten und Krebs indes lässt sich wohl kaum streiten.

Und es ist nicht nur der Krebs: Neuropsychiatrische Störungen sind weltweit für 14 Prozent aller lebensbeeinträchtigenden Erkrankungen verantwortlich. Das berichtete die angesehene Zeitschrift Lancet zum Auftakt einer neuen Serie im September. Noch in selben Monat veröffentlichte das Magazin eine Studie über die Auswirkungen von Depressionen auf die Gesundheit: Daten von mehr als einer Viertel Million Menschen brachten die Forscher zu der Erkenntnis, dass Depressionen die Gesundheit stärker belasten als zum Beispiel Asthma oder Diabetes.

Insofern mag es zwar gerechtfertigt sein, die überhöhte Hoffnung auf Heilung aus psychischer Kraft heraus zu demontieren. Eine kranke Seele ist aber in jedem Fall auch körperlich extrem belastend – und kann, darauf weisen die Autoren in Lancet hin, vermutlich auch die Entstehung von Krebs begünstigen.

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