Mach doch mal ‘ne Binsendiät

13. November 2007 · Thema: Ernährung, Schweine im Weltall

Wer hätte gedacht, dass es sie je geben würde: die einzige, die ultimative und vermutlich doch nicht letzte Wahrheit übers Schlankwerden? Nun ist sie da. Und zwar doppelt!

Die erste dieser Wahrheiten hat zwar bereits Millionen Menschen nicht geholfen, lautet aber dennoch : Nehmt das Brot von der Butter!

Ernährungsadvokaten indes leiden unter dieser Neuigkeit, fühlen sich gar übers Ohr gehauen. Wie netdoktor.de am Dienstag von der “jüngsten Tagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft” (vor drei Wochen) berichtet, sprechen einige Diätberater schon offen darüber, einfach hinzuschmeißen – weil sie plötzlich das Gegenteil von dem predigen sollen, was bisher als goldener Standard galt, nämlich einer möglichst kohlenhydratbetonten Fettarmkost mit ganz viel Vollkorn. Jetzt also: Vollkorn nur noch in homöopathischen Dosen, dafür ordentlich Fleisch auf den Teller.

Das “neue” Konzept ist in den USA nun leider seit vielen Jahren bekannt, es heißt dort Low-Carb und besteht aus einer sehr Eiweiß-betonten Ernährung mit viel Fleisch und Fisch und mit möglichst wenigen Kohlenhydraten. Kein Zucker also, wenig Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln und so weiter. Im Gegensatz zur Atkins-Diät ist Fett nicht unbegrenzt erlaubt, dafür gerät durchaus mal ein Möhrchen auf den Teller. Oder Salat. Für Vegetarier ist das Ganze also eher nix, es sei denn, sie sind süchtig nach Tofu und Sojamilch und können den immens hohen Proteinanteil der Ernährung durch pflanzliches und damit minderwertiges Eiweiß decken.

Ob Diäten im Sinne von Low-Carb dauerhaft schlank machen, darf man allerdings bezweifeln. An den aktuellen Fettleibigkeitsquoten der Amis lässt sich derlei jedenfalls nicht ablesen, das Land steht regelrecht davor, zu platzen. Schuld am Adipositas-Gau ist aber ohnehin nicht der Mangel an Diätkonzepten, oder deren physiologisches Versagen. Mit jeder Diät, ob Brigitte oder Atkins, ob Low-Fat oder Low-Carb , ob Glyx im Schlaf oder Logi im Stehen, mit jeder einzelnen Diät kann und wird man abnehmen – zumindest, solange man diese durchgeplanten Zwangsfütterungen mitmacht. Und es schafft, hüftmagnetische Lieblingsspeisen und Fußgängerzonenläufige Versuchungen einfach auszublenden, oder besser: zu vergessen.

Gerade das dürfte bei Low-Carb aber all jenen schwer fallen, die eigentlich saugerne Brot und Nudeln essen. Kein Land hat so eine ausgedehnte, vielfältige Bäckereikultur wie Deutschland, alle zwanzig Meter stolpert man über feilgebotene, duftende Backwaren- selbst Sonntags. Und gleichfalls gibt es jede nur erdenkliche Brotspezialität aus dem Ausland zu kaufen. Dazu gesellt sich die omnipräsente Nudel, von der man inzwischen meinen könnte, sie sei eine deutsche Erfindung. Pasta, wohin man guckt.

Oder eben nicht mehr guckt, denn wer sich auf minimale Mengen Kohlenhydrate beschränken will, muss sich einen Tunnelblick zulegen und hoffen, dass ihm sein Unterbewusstein kein Schnippchen schlägt. Der Autorin dieses Blogs sind Low-Carb-Opfer bekannt, die im realen Diätleben zwar eisern jede Kartoffel vom Teller schnippsten, in ihren Träumen jedoch irgendwann von knusprigen Laugenbrezeln und Nudelbergen heimgesucht wurden. Solange, bis sie es nicht mehr aushielten, zuschlugen und dicker wurden als vorher.

So ist das eben. In einer Welt, in der unzählige kalorienträchtige Lebensmittel jederzeit und überall verfügbar sind, lassen sich künstliche Mangelsituationen nur beschwerlich aufrechterhalten – erst recht gilt das für Diäten, die eine Sucht nach Lieblingsessen nicht mehr befriedigen und deshalb vor allem eines machen: unglücklich. Was aber eben nicht heißt, dass Abnehmen unmöglich wäre.

Ein schönes Beispiel dafür bietet ausgerechnet ein neues Diätbuch. Es heißt “Die Burger-Diät”und dokumentiert die x-te Diät des Maik Metze, der keine Lust mehr hatte, sich mit für ihn befremdlichen Nahrungsmitteln herumzuschlagen, und mit seinem Lieblingsessen (Die Burgerpalette einer bestimmten Marke) 35 Kilo abspeckte. Innerhalb eines halben Jahres. Jeder Burger, jede Pommes, jeder Fehltritt und jeder Zwischenerfolg ist haarklein notiert, und dazu erklärt Metze ziemlich genau, wie er seine Diät konzipiert hat und warum er alle vorherigen Diäten abbrach.

Völlig unwissenschaftlich ist das, und natürlich weiß niemand, ob der Kerl das wirklich so gemacht hat. Die schreiende Aufmachung und das Marketing wirken auch nicht ganz ironisch gemeint. Aber jeder, der schon einmal nach einem vorgegebenen Plan Diät gehalten und nicht durchgehalten hat, wird sich in diesem Buch ein bisschen wieder finden.

Denn das Buch verkauft keinen universellen Plan, sondern ein Prinzip, das vielen Menschen helfen könnte. Das Prinzip heißt: Erfinde deine eigene Diät. Maik Metze zum Beispiel liebt Burger, also kann er keine Diät machen, die Burger aus seinem Leben verbannt. Jemand anderes liebt vielleicht Pizza und wird jede Pizzafreien Diät – und sei sie gerade wegen fehlender Pizza so wirksam und gesund – nach dem ersten Patzer gerne beenden und sich mit Pizza trösten. Zumal es auf dem Heimweg alle fünfzig Meter eine Pizzeria gibt, und das hält eh niemand aus.

Ein wenig Rechnerei kann aber selbst mit Pizza ein Energiedefizit zu erzeugen und auch diese Diät wird dem Körper viele Kilos abringen. Mit weniger Pizza als bisher, aber immer noch mit Pizza. Ein Patzer wäre dann das zuviel an Pizza, aber nicht die Pizza selbst. Und am nächsten Tag gibt es ja trotzdem wieder Pizza, deshalb kann man auch weitermachen mit der Diät. Irgendwie nicht überraschend, eine Mischung aus FdH und Kalorienzählen eben. Und kein echter Ernährungsexperte würde sich zu solchen Tipps durchringen. Leider!

Die Frage nach der Gesundheit übrigens wird nicht unterschlagen. Burger und auch Pizza sind nicht wirklich gesund – zu fett, leere Kohlenhydrate, zu wenig Gemüse. Die Gesundheitsdebatte erledigt sich aber, wenn man die Alternative betrachtet: Fettleibigkeit plus ungesunde Ernährung? Oder normales Gewicht plus immer noch ungesunde Ernährung. Jeder Arzt wird zähneknirschend zugeben, dass der Preis zwar hoch ist, aber Normalgewicht immer noch gesünder als Übergewicht. Noch so eine Binse.

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