Rauchen macht dick

03. Januar 2008 · Thema: Leib und Seele

Das mit dem Aufhören ist nicht nur wegen der Sucht so schwierig. Es gibt einfach zu viele gute Ausreden, die uns am Nikotinverzicht hindern. Episoden aus der menschlichen Verdrängungswelt. Erste Folge

Prolog. Eines will ich vorab klar stellen: Die hier vermittelten Gedankenexperimente, Erfahrungsberichte und Botschaften entbehren (fast) jeder wissenschaftlichen Grundlage. Warum? Und: Ist das nicht gefährlich? Oh nein, ganz und gar nicht. Nicht, wenn es ums Rauchen geht. Denn auf kaum einem Feld haben Gesundheitpolitik und medizinische Forschung bisher so drastisch versagt, wie beim Rauchen. Zwar stehen uns von Pflastern und Kaugummis, über Psychotherapie bis hin zu echten Medikamenten schon massenhaft Entzugshilfen zur Verfügung, selbst die geizigste aller Krankenkassen veranstaltet kostenlose Entwöhnungskurse. Zudem greift der Gesetzgeber hart durch: Wer rauchen will, muss jetzt vor die Kneipentür, theoretisch kriegt man seinen Stoff nur noch mit Altersnachweis. Und nicht mal mehr im ICE-Bistro darf man Raucher sein. Rauchen stinkt, macht Krebs oder Herzinfarkt und tötet angeblich 3000 Unschuldige jährlich.

Aber es wird nicht verboten. Selbst wenn und die Medizin aus der Kippenfalle helfen würde (was ihr erwiesenermaßen nicht gelingt), kann immer noch jeder Fünfjährige Glimmstengel kaufen, wenn er sich nicht zu blöde anstellt. Die Eckkneipe, meiner Wohnung vis-à-vis, hat die Ziggi-Karte gleich neben den Automaten gehängt, und wenn der Laden voll ist, registriert höchstens die Bierleiche am Tisch nebendran, dass sich da jemand Drogen beschafft. “Nnna, darfse denn überhaup’ schon rauuchn?” Ich bin 33, keine Sorge. Und ich trage mit meiner Abhängigkeit dazu bei, dass sich unsere Bundesregierung jährlich 14,4 Milliarden Euro in die Taschen füllt. Der Zoll freut sich mitzuteilen, dass die Steuer auf Rauchwaren aller Art nach der Mineralölsteuer die ertragreichste Einnahmequelle unseres Staates ist. Ernst gemeinte Hilfe ist von Seiten der Politik und der Forscher also nicht zu erwarten, nicht in naher Zukunft. Der aufhörwillige Raucher steht allein auf weiter Flur. Ein paar spinnerte Gedanken können da nicht schaden.

Zur Sache. Ein Phänomen taucht in der Wahrnehmung des Nichtmehrrauchen(wollen)s so hartnäckig auf, wie der Fussel an der Lippe, und das ist die panische Angst vor dem Dickwerden. Die nicht-repräsententative Beweislage erscheint in der Tat erdrückend. Von allen Exrauchern, die man mal so generell über ihre Aufhör-Erfahrungen aushorcht, erwähnen gefühlte 100 Prozent als erstes, sie hätten zugenommen. Das Trauma der Gewichtszunahme wiegt dabei offenbar so schwer, dass die schlimmen Entzugserscheinungen und alle positiven gesundheitlichen Effekte aus dem Gedächtnis getilgt sind. Was zweierlei Gründe haben kann. Erstens: Es gibt weder Entzugserscheinungen noch unmittelbar erlebte gesundheitliche Effekt. Ha, aber das wäre ja absurd. Bleibt zweitens: Man nimmt wirklich ganz schlimm zu, ohne auch nur den geringsten Einfluss darauf nehmen zu können.

Eine mir nahe stehende Person, nennen wir sie N., versuchte es vor drei Jahren dennoch. Anfang Januar flogen die Kippen in den Abfall, und damit das Unweigerliche ihr nicht passieren konnte, begann N. noch am selben Tag mit einer Diät. Die Wahl fiel auf Atkins, vielleicht, weil man da theoretisch pausenlos futtern darf, was N. fortan auch praktisch tat. Natürlich machte sie Sport. Jeden Morgen um halb sieben schälte sich die berüchtigste aller Langschläferinnen nun aus den Federn, es gab Chlorwasser und Bärenhunger anstelle der Morgenzigarette. Nach wenigen Wochen sah sie wie ein anderer Mensch aus, zehn Jahre jünger, strahlender, schöner als je zuvor – aber leider nicht mehr so dünn wie vorher. Sie schwor, diesen Preis zahlen zu wollen, und griff nach einem Jahr wieder zur Zigarette. Noch heute beschreibt sie ihren Rückfall als Befreiung.

Ist das der Beweis? Dazu doch kurz was wissenschaftliches: Selbst Ernährungsexperten bestätigen, dass sich der Energiebedarf von Exrauchern reduziert, darauf weisen viele Ex-Exraucher nur zu gern hin. Es handelt sich um 200 Kalorien Minderverbrauch am Tag. Im Monat macht das 6000 Kalorien, und weil Fettmasse nicht nur aus Fett besteht, kann man das theoretisch auf ein gutes, zusätzliches Hüftenkilo umlegen. Bloß: Man kann die entsprechenden zwei Riegel Schokolade oder die zwei großen Äpfel am Tag auch einfach weglassen. Dazu bedarf es nicht mal einer Diät.

Das Beste aber wäre, die ganze Sache völlig anders zu betrachten: Rauchen mag den Grundumsatz etwas anheben, und es gibt viele Menschen, die sich erstmal eine anzünden, wenn sie hungrig sind, das spart nochmal Kalorien. Trotzdem ist es keinesfalls so, dass alle Nichtraucher dick, und alle Raucher dünn wären, eher erscheint mir das Gegenteil der Fall zu sein: Auf der Straße sind mir heute mindestens zehn Dicke begegnet, die rauchten, und übrigens auch ein Dutzend qualmender Jugendlicher, denen niemand mehr Zigaretten verkaufen darf. Dazu kommt: Nicht alle Raucher waren dick , bevor sie anfingen. Die meisten werden erst dicker, nachdem sie geraucht haben. Und drittens: Rauchen verschlechtert die Durchblutung, man friert schneller, wird rasch müde und bewegt sich weniger. Von Bewegungsmangel aber ist noch niemand schlank geworden.

Nein, der erstaunliche Schluss lautet: Nicht das Nichtrauchen, sondern das Rauchen macht dick. Was anderes sollte man sich gar nicht einreden (lassen).

In der nächsten Folge: Ersatzbefriedigungen auf dem Prüfstand.

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