Fett statt glücklich

12. März 2008 · Thema: Leib und Seele, Medien

Antidepressiva wirken nicht besser als Zuckerpillen? Mag sein, aber es kommt noch viel dicker: Jetzt sollen sie auch noch an der Fettleibigkeits-Epidemie schuld sein!

Viele Menschen – und Ärzte – hatten schon schwer dran zu schlucken, als zu Beginn dieses Jahres zwei Analysen die Wirksamkeit von sogenannten SSRI (Selective Serotonine Reuptake Inhibitors) in Frage stellten. Das Zeug erweist sich selbst bei schwersten Depressionen kaum potenter als ein Teelöffel Wasser, und das erhitzt vor allem das amerikanische Opfergemüt: Millionen schlucken Prozac oder ähnliches, in dem frommen Glauben, die Mittelchen würden sie von düsteren Gedanken befreien.

Und was tun sie stattdessen? Sie kosten nicht nur viel Geld, sie machen auch noch viele, viele Amerikaner fett. Und fetter. Und das Schlimmste daran ist, dass niemand diesen so offensichtlichen, wie skandalösen Zusammenhang erkennt – niemand, außer der New Scientist! Oder vielmehr: Dessen Autorin Paula J. Caplan, ihres Zeichens Psychologin an der – Achtung! – renommierten Harvard- Universität.

In einem aktuellen Kommentar weist sie darauf hin, dass zwei von drei Patienten nach zehn Jahren Lithium-Therapie zehn Kilo zunehmen, und dass sich Zyprexa, ein Medikament für manisch Depressive, in Zuge eines auch nicht gerade kleinen Skandals vor zwei Jahren als echter Fettbooster erwies: Jeder sechste Patient legte mehr als einen halben Zentner zu. Die Firma versuchte, die Sache zu vertuschen.

Soweit, so grausam, in der Tat. Wer will schon schlechte Gefühle gegen platzende Nähte tauschen? Andererseits: Nur, weil 32,6 Millionen US-Bürger verschreibungspflichtige Psychopillen schlucken, werden die also alle dick?

Nee, das ist dann doch ein bisschen zu verschwörungstheoretisch, und stimmen kann es auch nicht wirklich: die therapeutisch eher wertlosen, aber immer noch saubeliebten SSRI würden im Zweifelsfall wohl eher dünn als fett machen. Mangelnder Appetit, Anorexie, Durchfall – so liest sich das in der (endlosen und ziemlich gruseligen) Liste der Nebenwirkungen. Am Ende muss Caplan selbst zugeben: “The mechanisms behind this weight gain appear complex and are certainly poorly understood

Vielleicht setzen ja einfach zu viele einsame, traurige Menschen falsche Hoffnungen in Psychopharmaka? Und trösten sich, wenn die bunten Pillen zwar den Antrieb steigern, aber die Finsternis nicht erhellen, mit dem, was es nun wirklich im Überfluss gibt in diesen Zeiten: mit Essen. Auch nur eine Spekulation, aber immerhin eine menschliche.

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