Ach du Nanoschreck!

22. Mai 2008 · Thema: Allgemein, Leib und Seele

Bestimmte Nanopartikel verhalten sich im Körper ganz ähnlich wie Asbest. Machen sie deshalb Krebs?

Hochfein, superdünn, hauchzart, gaaaaanz-ganz winzig? Sich Nanopartikel vorzustellen ist ziemlich schwierig, denn zum einen sind die Dinger wirklich klein, weniger als ein Millionstel Millimeter im Durchmesser. Zum anderen können sie viele Formen von rund bis fadenförmig annehmen, hohl sein, oder massiv, und auch noch aus allem möglichen bestehen: Aus Metalloxiden, aus reinem Kohlenstoff, aus organischen Materialien – was man so will. Entsprechend sind die Möglichkeiten der Anwendungen riesig. Und die Aussagen über das Risikopotential sehr, sehr schwierig.

Für einen bestimmten Fall gibt es jetzt so eine Aussage, sie hat sich gestern durchs Netz gewürmelt (hier, zum Beispiel, und hier und hier) und scheint die schwelenden Ängste vor dem Nanophantom zu bestätigen: Nanoröhren – oder “tubes” – einer bestimmten Länge (mehr als 20 Mikrometer) verursachen im Körper von Mäusen (nicht in der Lunge, wie leider überall zu lesen ist) Granulome, also Minitumoren, die gutartig sind. Sie können später aber bösartig werden. Und das ist nun ein Effekt, den man von einem unzweifelhaft riskanten Stöffchen kennt, dem Asbest nämlich.

Asbestfasern sind zwar keine Röhren, aber Fasern, und als solche auch sehr klein. Ein paar Tausendstel Millimeter im Durchmesser, und unterschiedlich lang. Vor allem Fasern von mehr als 20 Mikrometern (20 Tausendstel Millimetern) führen in der Lunge rasch zu Knötchen, die später dann oft entarten und bösartig wuchern. Asbest ist in den meisten westlichen Ländern deshalb verboten. Aber weil das Zeug einst so verbreitet als Dämmstoff und Hitzeschutz eingesetzt wurde, allen Sanierungen zum Trotz kaum noch wegzukriegen ist und in vielen Ländern eben doch nocht nicht verboten wurde, sterben auch heute noch geschätzte 100 000 Menschen pro Jahr an den Folgen einer Exposition.

Nanoröhrchen sind nun deutlich dünner als Asbestfasern, innen hohl und bisweilen aus mehreren ineinandergesteckten Röhrchen aufgebaut. Ganz oft aber sind die Tubes genau so lang, und wenn sie zum Beispiel aus Kohlenstoff bestehen, lösen sie sich – wie Asbest – auch nicht im Körper auf. Das hat schon früh den Verdacht geschürt, dass die Dinger eventuell auch gesundheitsgefährdend, oder gar krebserregend sein können.

Die zitierte Studie ist jetzt noch kein Beweis dafür, dass Nanoröhrchen von mehr als 20 Mikrometern Länge tatsächlich Krebs verursachen, und dass “Nanoröhrchen wie Asbest” wirken (welt.de), ist schon deshalb falsch. Sie scheinen sich ähnlich zu verhalten, aber noch steht gar nicht fest, ob Nanorörchen dieser Größe überhaupt in die Lunge gelangen – im Versuch wurden sie in die Bauchhöhle gespritzt. Aber das Paper ist ein Warnsignal. Gerade im Nanoland Bundesrepublik wird heftig die Werbetrommel für Nanotechnologien gerührt, was bislang indes fehlt, sind Untersuchungen über die Risiken. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat zwar eine Strategie entwickelt, diese Forschung zu organisieren, aber wenn man diese Herumgeeiere nicht schleunigst beschleunigt, was möglich ist, wird es Jahre dauern, bis dieser höchst zähe, bürokratische Prozess zu einem Ergebnis führt.

Bis dahin sind Nanoröhrchen längst ein fester Teil unserer Produktumwelt. Die Briten haben gerade deshalb umsichtig gehandelt und schon früh mit Untersuchungen begonnen, die neue Studie kann man als Frucht dieser Bemühungen betrachtet. Und als Ansporn für die Behörden in Deutschland, nicht erst den Ernstfall abzuwarten.

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