Futter fürs Prostatakarzinom

27. Mai 2008 · Thema: Leib und Seele

Testosteronersatz ist unter alternden Männern schon ziemlich beliebt. Aber beliebt genug? Niemals! Forscher behaupten, dass die meisten Hormon-Bedürftigen noch immer keine ausreichende Therapie kriegen.

Die Welt ist ungerecht: Frauen kommen, wenn sie älter werden, in die Wechseljahre. kriegen Symptome, viel Aufmerksamkeit und Hilfe – vom Arzt. Der verschreibt bis heute gern Hormonpillen und alles wird gut (solange die Frau nicht vorzeitig an den Nebenwirkungen der Pillen stirbt).

Aber die Männer? So lange wollte niemand jenes Leid anerkennen, das ganz schleichend am Körper nagt, die Potenz beutelt, Muskeln schrumpft, die Wampe wachsen lässt, Knochen erweicht, kurzum: das aus Männern alte Säcke macht. Doch zum Glück ist auch hier ein Hormon im Spiel, von dem der Körper mit den Jahren immer weniger produziert und somit die Symptome der Krankheit “Alter” hervorruft, die heute Andropause heißt oder PADAM (Partial Androgen Deficiency in the Aging Male). Das Hormon selbst trägt den Namen Testosteron, und es lässt sich mittlerweile ersetzen. Mit Pflastern, Cremes, Hodenpatches, Dreimonatsspritzen.

Wie die Archives of Internal Medicine jetzt berichten, wird dieser Ersatz aber noch immer der Mehrheit der Betroffenen vorenthalten. Von knapp 1500 untersuchten Männern im kritischen Alter (ähm – um Mitte 40!) hatten fast 100 zu wenig Testosteron, heißt: Sie lagen unter dem Normwert. Der übrigens unabhängig vom Alter ist und ab 60 von jedem dritten Mann unterboten wird. Von den 100 noch ziemlich jungen Betroffenen in der Studie aber bekamen nun bloß zehn eine Behandlung.

Woran kann das nur liegen? Die Studienleiter führen es auf soziale Ungerechtigkeit zurück und fordern: Testosteron für alle. Wir verstehen das, denn finanziert wurde die Studie von Glaxo Smith Kline, einem Pharmahersteller für Testosteronpräparate. Aber davon mal abgesehen: Hatten die unbehandelten Männer vielleicht gar keine Beschwerden, wie es bei vielen der vermeintlichen Mangelpatienten ist? Oder wussten sie vielleicht sogar, dass der Hormonersatz gefährlich sein kann?

Denn, so bedauerlich es ja erscheint, wenn mit 46 nix mehr so ist wie mit 20: Die abnehmende Hormonproduktion hat ihr Gutes. Fast jeder dritte Mann jenseits der 50 Jahre nämlich hat in seiner Prostata Krebszellen – die sich oft nie bemerkbar machen, vermutlich deshalb, weil viele dieser Zellen hormonabhängig wachsen. Schwindet das Hormon im Alter, ruhen auch die Zellen. Schiebt man Testosteron nach, weil man potenter, muskulöser, jünger sein möchte, wächst auch der Tumor wieder fröhlich drauf los, ganz ähnlich wie bisweilen der Brustkrebs bei Frauen durch Östrogene.

Das Schlimme daran ist: Alle kennen den Zusammenhang. Wer sich mit Testosteron behandeln lässt, muss deshalb auch häufiger zur Vorsorge gehen. Aber große Studien, in der die Häufigkeit und die Prognose von Prostatakarzinomen nach Testosteronersatz überprüft wurden, gibt es nicht. Nur Experten, die solche Studien seit mehr als zehn Jahren einfordern. Pharmafirmen, die derweil lieber den Bedarf sichern. Und immer mehr Männer, die sich einreden lassen, sie dürften niemals würdig alt werden.

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